Die Ostexpansion der österreichischen Banken
1. Der Konsumentenkredit Wenn Marx schreibt: „Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihr Grenze bilde“ (MEW 25: 501) – so spricht er damit eine Wahrheit aus, gibt aber auch zu einem Mißverständnis Anlaß. Dieses Dilemma hat eine Kreditform hervorgebracht, die die Verwertungsgrenzen deutlich hinausschiebt und den Banken ein neues Geschäftsfeld eröffnet hat: den Konsumentenkredit. Das, was sich arbeitende Menschen eigentlich nicht leisten können, aber doch leisten wollen, wird ihnen von wohlmeinenden Banken vorgestreckt, die dafür den für Kreditoperationen üblichen Zins kassieren, der je nach Land, Ökonomie und staatlichen Vorgaben in Form von Förderungen oder Garantien über oder unter dem landesüblichen Durchschnittszins liegt. Dieser Kredit erfreut alle Beteiligten. Die Banken haben sich mit dieser Sphäre ein Geschäftsfeld erschlossen, das von der Verläßlichkeit und Zahlungsmoral her den Krediten an windige Klein- und Mittelbetriebe den Rang abläuft, und vom Umfang her inzwischen durchaus mit den Geschäftskrediten konkurrieren kann. Autohändler steigern ihren Umsatz bzw. ermöglichen den größten Teil davon überhaupt erst durch die Leasingverträge, mit denen sie ihre Kunden ködern und mit denen sie den Banken ein Stück Geschäftssphäre streitig gemacht haben. Die Bauindustrie, die Autoproduzenten, Textilindustrie und Versandhäuser und viele andere Unternehmen, die irgend etwas zu verkaufen haben, profitieren im wahrsten Sinne des Wortes von dieser Expansion des Marktes, küssen den Banken und Kreditkartenfirmen die Schuhe und richten gegebenenfalls selbst gewisse Kreditformen ein, um den Fortgang ihres Geschäftes zu gewährleisten. Der Staat schließlich als diejenige Gewalt, die den ganzen Kredit dieser Gesellschaft erst möglich macht, durch Bankkonzessionen, Einlagensicherung, Richtlinien der Kreditvergabe usw. sieht diese Kreditform gerne, erstens zur Förderung des Wirtschaftswachstums auf ihrem jeweiligen Territorium, zweitens aber auch als eine Form der praktischen Staatsbürgerschaftskunde: Leute mit Schulden setzen auf die Zukunft dieser Produktionsweise, sie hoffen auf ihr Funktionieren als Mittel ihres persönlichen Weiterkommens. Die Aufnahme von Schulden ist ein praktisch ausgesprochenes Vertrauen in das kapitalistische Geschäft und die politische Gewalt, die es ermöglicht. In den USA und Großbritannien, denen gerne ein soziokultureller Hang zum Hausbesitzertum nachgesagt wird, vor allem nach dem die Finanzkrise auslösenden Immobiliencrash 2007, wurden diverse Kreditinstitutionen und Gesetze in den 30er Jahren ins Leben gerufen, zur Bekämpfung der Kreditklemme in der Bauindustrie, aber auch, um die Arbeiterschaft durch die Perspektive eines Eigenheimes daran zu hindern, kommunistischen Agitatoren und anderen Rattenfängern nachzulaufen und womöglich zum Mittel des Streiks für Lohnerhöhungen zu greifen. Tritt Zahlungsunfähigkeit ein, durch Entlassung, Ehescheidung, Krankheit, so ist jemand in die „Schuldenfalle“ getappt und wird von Sozialinstitutionen wie Schuldenberatungsstellen weiter betreut. Das Risiko, hier durch Kreditausfälle verliehenes Geld zu verlieren, wird jedoch von den Kreditgebern im Vergleich zum gesamten Volumen dieser Art von Krediten als gering eingeschätzt. Die 2007 in den USA gescheiterten ABS-Wertpapiere, die auf Hypothekarkrediten beruhten und treffend mit dem Satz „Die Armut notiert an der Börse“ (Il Manifesto, Mai 2009) charakterisiert wurden, haben auch eines gezeigt: Wie sehr nicht nur der ganze kapitalistische Kreditapparat in seinen obersten Etagen, sondern auch die Produktion und der Handel auf diesen schäbigen Schulden des kleinen Mannes beruhen, weil eben die Konsumtionsfähigkeit der Massen die Grundlage und auch die Schranke aller kapitalistischen Produktion ist.
2. Die österreichischen Banken Die österreichischen Banken waren jahrzehntelang Nullnummern im internationalen Kreditwesen, mit ein paar schwachbrüstigen Filialen im angrenzenden Ausland. Seit der unmittelbaren Nachkriegszeit verstaatlicht, waren sie im Inland Transmissionsriemen des Staatskredits und der Wirtschaftsförderung, Teil der verstaatlichten Industrie, Geldgeber des staatlichen Wohnbaus, und, – vor allem der Sparkassensektor und die aus sozialdemokratischen Kreditgenossenschaften hervorgegangene Bank für Arbeit und Wirtschaft (BAWAG) – die Vermittler der kleinen Zirkulation. Ihre Filialen glänzten nicht als die Geldtempel aus Naturstein, Messing, Glas und moderner Kunst, als die sie sich heute präsentieren, sondern hatten eher das vertrauensbildende Outfit von Amtsstuben oder Provinzbahnhöfen. Die Banken waren bloße Schaltstellen des auf dem Boden der Neutralität geruhsam vor sich dahinköchelnden, bescheidenen österreichischen Kapitalismus. Die flotteste Bank beim österreichischen „Drang nach Osten“ war die ursprünglich mit Agrarkrediten großgewordene Raiffeisenbank (inzwischen Österreichs drittgrößte Bank). Im Zuge der ungarischen Vor-Wende-Reformpolitik ergriff sie 1987 die Gelegenheit zur Gründung einer Tochterbank in Ungarn. 1991 gründete sie die Raiffeisen International Holding als Tochterfirma für die Betreuung aller Engagements in vormals sozialistischen Staaten. Noch im gleichen Jahr gründete diese Holding Tochterbanken in Polen und der Slowakei. In letzterem Falle bewies die RI politisches Gespür: Angesichts des Krachens im Gebälk der Tschechoslowakei gründete sie eine eigene slowakische, und erst zwei Jahre später, nach der Trennung, eine tschechische Tochter. Ähnliches Fingerspitzengefühl legte sie mit der Gründung ihrer kroatischen (1994) Tochterbank an den Tag, der angeblich ersten ausländischen Bankgründung Kroatiens. Es folgten Töchter in Bulgarien (ebenfalls 1994), Rußland (1996), Rumänien (1998), Bosnien und Herzegowina sowie Serbien (2000). Vermutlich infolge allgemeiner Verschärfungen bei der Erteilung von Bankkonzessionen übernahm die RI von da ab bereits bestehende Banken: in Slowenien (2002, Krekova Banka), Weißrußland (2003, Priorbank), Kosovo (2003, American Bank of Kosovo), Albanien (2004, Banka e Kursimeve i Shqipërisë) und der Ukraine (2005, Aval Bank). Etwas unklar ist die Rolle der Raiffeisenbank in Montenegro, wo sie seit dessen Eigenständigkeit nur eine „Investmentbank“ betreibt, die aber eine Art Zentralbank Montenegros zu sein scheint, und über deren Rolle bei der seinerzeitigen DM- und Euro-Einführung nur spekuliert werden kann. „Die Tochterbanken der Raiffeisen International decken de facto die gesamte Region Zentral- und Osteuropa ab: mehr als 15 Millionen Kunden werden in rund 3.000 Geschäftsstellen in den Segmenten Kommerz- und Privatkundengeschäft sowie Investment Banking betreut. In fünf Märkten befindet sich die jeweilige Tochterbank unter den drei größten Instituten. Die Raiffeisen International verfügt in jeder Netzwerkbank über die Mehrheit der Gesellschaftsanteile, in den meisten Fällen ist sie Alleineigentümer.“ (Selbstdarstellung der RI, http://www.ri.co.at/index.php?id=9&L=1auto.php)
Die zweite Bank, die sich bereis unmittelbar nach der Wende in Osteuropa umtat, war die 1997-2002 mit der Bank Austria fusionierte und inzwischen bei der UniCredit gelandete Creditanstalt (CA). Die CA war vor allem als Beraterfirma und Unterstützer von Börsengängen und der Privatisierung in den Visegrad-Staaten (Ungarn, Tschechoslowakei, Polen) tätig. Sie half bei der schwierigen Frage der Bewertung der sozialistischen Unternehmen mit, die bei Börsengängen entschieden wurde, und stieg damit in das osteuropäische Börsen- und Wertpapiergeschäft ein. Obwohl sie dabei nicht allzu erfolgreich war und zum Zeitpunkt ihrer Übernahme durch die Bank Austria (BA) 1997 gerade einmal 81 Auslandsfilialen besaß, stellte dieses Osteuropa-Segment doch einen der Pluspunkte der CA dar, etwas, das sie, und damit auch die BA, für ausländisches Kapital attraktiv machte. „Die Division CEE hat ihr Ergebnis vor Steuern um 70,5 Prozent auf 305 Millionen Euro gesteigert (2006: 179 Millionen Euro). Die von der BA-CA geführte CEE Division der UniCredit Group ist für einen Markt von mehr als 300 Millionen Einwohnern verantwortlich.“ (Bankinfo 2007, http://www.bankaustria.at/informationspdfs/BA-CA_IR-Release_20070502_BA-CA_Q12007_D.pdf) Die zwar offiziell immer noch als Nr. 6 gehandelte, aber stark angeschlagene und inzwischen verstaatlichte Hypo Alpe Adria*1 hat sich bei ihrer Expansion zunächst ausschließlich den Nachfolgestaaten Jugoslawiens gewidmet. In den stürmischen Kriegs- und Nachkriegsjahren 1992-95 kreditierte sie den neuen kroatischen Staat und sicherte sich dadurch eine privilegierte Stellung für das Tourismus- und Immobiliengeschäft an der Adria. Die Leiter der HAA nutzten für ihre Expansion nach Südosten einerseits persönliche Kontakte und die Gunst der Stunde, aber andererseits auch den Umstand, daß die HAA als eine der Landesregierung unterstehende Hypothekenbank fehlende Eigenmittel durch Bürgschaften des Bundeslandes ersetzen konnte. Sie wurde in einer eigenartigen Verwicklung von Innen- und Außenpolitik und Wirtschaftsinteressen zur wichtigsten Firma, dem Vorzeigeprojekt des ansonsten ökonomisch eher schwächelnden Kärnten. Das machte sie auch attraktiv für die Bayrische Landesbank, die in den südosteuropäischen Raum expandieren wollte und sich 2007 bei der Bank einkaufte. Etwas später als die anderen sprang die inzwischen zweitgrößte Bank Österreichs*2, die Erste Bank auf den Osteuropa-Zug auf. Die Erste Bank war deshalb später dran, weil sie aus dem Zusammenschluß von Sparkassenverbänden entstanden war und erst einmal die gesetzlichen Beschränkungen, denen diese Institute unterworfen waren, abschütteln mußte. Nach einer Umwandlung in eine AG, mehrere Fusionen und einem Börsengang war es dann soweit: „Als erste Bank wurde 1997 die ungarische Mezőbank übernommen. Drei Jahre später, nach einer weiteren Kapitalerhöhung, wurde die Expansion fortgesetzt. So wurden im Jahr 2000 die Mehrheiten an der tschechischen Česká spořitelna und der slowakischen Slovenská sporiteľňa übernommen.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Erste_Bank) Als nächstes expandierte die Erste Bank nach Kroatien, und 2005 nach Rumänien, was sie sich einiges kosten ließ: „Die Übernahme von rund 61,88 % der Banca Comercială Română S.A. (BCR), der größten rumänischen Bank mit 2,8 Mio. Kunden und 12.000 Mitarbeitern, im Jahr 2005 um 3,751 Mrd. Euro stellt die bisher größte Auslandsdirektinvestition der österreichischen Wirtschaftsgeschichte dar. Der vergleichsweise hohe Kaufpreis (Buchwert-Multiplikator von 5,8) – sämtliche namhafte Analysten errechneten Zeitpunkt der Übernahme einen Wert von unter 1 Mrd. Euro für die gesamte BCR – wurde darin begründet, da nur noch wenige große Banken im Mittel- und Osteuropäischen Raum zur Privatisierung anstehen, und die Erste Bank in Rumänien bisher nicht vertreten war.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Erste_Bank) Im gleichen Jahr kaufte sie eine Bank in Serbien, und schließlich 2007 eine in der Ukraine. Ihrer eigenen Darstellung zufolge hat die Erste Bank 17 Millionen Kunden, davon 3 Millionen in Österreich und den Rest in Osteuropa und auf dem Balkan*3. Der Volksbank-Verbund gründete 1991 zunächst eine Tochterfirma in der Slowakei. Seine Osteuropa-Holding VBI ist inzwischen in 9 osteuropäischen Ländern vertreten, mit 582 Filialen und 1,5 Millionen Kunden. Die VBI ist zu 51 % im Besitz der Volksbank, den Rest halten eine französische und eine deutsche Genossenschaftsbank. Ihr Vorstand meldete für 2009 offiziell ein positives Geschäftsjahr, aber schließlich sickert durch, daß es doch nicht so gut ausschaut. Die angestrebte Fusion mit der BAWAG ist gerade gescheitert, weil offenbar jeder der beiden Bankvorstände bei der anderen Bank mindest so viele Leichen im Keller vermutet, wie er bei sich selbst gelagert hat. Auch sonst ist kein Investor in Sicht. Die Attraktivität österreichischer Banken und ihrer Osteuropa-Töchter ist derzeit eher gering.
Die für alle Transaktionen der Republik Österreich zuständige und derzeit viertgrößte Bank Österreichs, die BAWAG, versuchte sich statt im auf Erschließung wartenden (Süd-)Osten lieber im Zentrum des internationalen Kreditgeschäfts, in den USA, und fiel dabei auf die Nase. Davon hat sie sich bis heute nicht erfangen und stellt einen Dauersanierungsfall für den österreichischen Staatskredit dar. Zuerst hat die Ostexpansion die österreichischen Banken erstens groß und zweitens für internationales Bankkapital interessant gemacht: „Mit der raschen Erweiterung des Bankennetzes nach Osteuropa, geschehen durch die größten heimischen Banken, sicherten sich diese einen nicht unwesentlichen Startvorteil gegenüber ausländischen Konkurrenten, die großteils sehr vorsichtig in die Länder des ehemaligen Ostblocks expandierten. Erst als sich der Erfolg der österreichischen Banken in Ländern wie Tschechien, Slowenien, Slowakei oder Ungarn in Form von Gewinnen einstellte, und stetig zunahm, wagten sich mehr und mehr ausländische Kreditinstitute in die mittel- und osteuropäischen Länder, und der Konkurrenzkampf wurde härter, was sich auch in den immer größeren Aufschlägen auf den Buchwert bei Übernahmeangeboten für dort ansässige Banken erkennbar wird.“ (Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Österreichisches_Bankwesen) Jetzt müssen sie um ihre Kredite zittern, und andere zittern mit: „2008 waren österreichische Banken unter allen EU-Ländern die größten Geldgeber in den MOEL-Ländern, inklusive Russland und Ukraine. 19,5 % der bei EU-Banken offenen Krediten im Ausmaß von 1,54 Billionen Euro, entfielen auf österreichische Banken. An zweiter und dritter Stelle folgten Deutschland und Italien mit jeweils etwa 15%. Anfang 2009 hatten österreichische Banken rund 300 Milliarden US-Dollar (228 Mrd. Euro) an Krediten in diesem Raum offen, was 68 % des österreichischen BIPs entspricht.“ (ebd.)
3. Der postsozialistische Kreditsektor Im Sozialismus gab es keine Banken im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs. Es gab eine Notenbank, die Geld druckte und nach allen möglichen Gesichtspunkten in die Wirtschaft einspeiste, eine Export-Import-Bank für den Handel mit dem kapitalistischen und irgendwelche Ämter für denjenigen mit dem sozialistischen Ausland. Für die Bevölkerung existierte ein flächendeckendes Netz von Filialen der nationalen Sparkasse. Da konnten sie Sparbücher eröffnen oder irgendwelche Transaktionen vornehmen, die sich partout nicht anders abwickeln ließen. Viel war in diesen Sparkassenfilialen nicht los. Für Bürger eines sozialistischen Landes war es weder üblich, ein Gehaltskonto zu haben, noch gab es eine Notwendigkeit privater Überweisungen. Überhaupt spielte das Geld im Verteilungsschema der sozialistischen Staaten eine untergeordnete Rolle: Wohnungen und Autos wurden zugeteilt, Kinderbetreuung und Urlaube organisierte der Betrieb. Überflüssiges Geld, soweit vorhanden, ließ sich höchstens für den Ausbau der Datscha verwenden, sehr viel andere Möglichkeiten boten sich nicht. Ein wenig anders war die Lage in Jugoslawien, wo ein Banksektor existierte, der hauptsächlich für die Finanzierung einheimischer Unternehmen zuständig, aber dank Außenhandel und Gastarbeitern in den internationalen Zahlungsverkehr eingebunden war, und wo auch neben der Landeswährung Dinar die DM als Zweitwährung zirkulierte, vor allem im Immobiliensektor. Nach dem Zerfall Jugoslawiens waren es vor allem slowenische Banken, die sich an die kreditmäßige Erschließung des einst gemeinsamen Staatsgebietes machten und dabei eine Brücken- bzw. Pufferfunktion für ausländische Banken erfüllten. Das einzige Land des RGW, das wegen seines Liebäugelns mit der Marktwirtschaft bereits einige Jahre vor der Wende private Banken zuließ und beförderte, war Ungarn. Diese privaten Banken, die Ausweitung der Geldwirtschaft, IWF-Mitgliedschaft und Staatsverschuldung galten bei westlichen Kommentatoren eine Zeitlang als Pluspunkte Ungarns, das angeblich „schon weiter“ war als seine ehemaligen Bruderländer, haben sich aber im Lauf der Zeit als eine schwere Hypothek bei der Kapitalisierung des Landes erwiesen. Nach 1989 mußte daher in den vormals sozialistischen Staaten ein Banksektor erst geschaffen werden. Die Sparkassen wurden mit einem völlig neuen Auftrag versehen und umgekrempelt, und jede Menge neue Banken wurden gegründet. Das im Inland fehlende Startkapital wurde durch gute Beziehungen ersetzt, und aus Bankgründungen und dem von diesen Banken geschaffenen Krediten entstanden Firmenimperien – oder auch nicht. Diese Raubritterbanken waren natürlich nicht sehr vertrauenserweckend für die kleinen Leute, und nicht geeignet, sie als Kunden zu werben. Die Einbindung der gesamten Bevölkerung in das Banksystem kam daher nur zögernd voran. Die 90er Jahre waren in den vormals sozialistischen Ländern auch die Ära der Pyramidenspiele, mit denen von irgendwelchen Personen kleine oder größere Vermögen gebildet wurden. Die österreichischen Banken wurden daher von allen mit offenen Armen aufgenommen. Eine biedere österreichische Muhkuh-Bank, wie die Raiffeisen, oder Hypothekenbank, wie die HAA, mit langer Tradition, Berufserfahrung und Eigenmitteln ausgestattet, solider geht es ja gar nicht mehr! Sie brachten größtenteils das Geld mit, das für die entsprechenden Investitionen notwendig war, und belasteten nicht den beschränkten Kredit dieser neuen Mitgliedsstaaten des Weltmarkts. Die österreichischen Banken haben damit nicht nur sich vergrößert und bereichert: Sie waren ein wichtiges Element in der ökonomischen Eroberung eines Raumes, der dem internationalen Kapital lange Zeit verschlossen gewesen war. Das hat Abhängigkeiten in beide Richtungen geschaffen. Das Osteuropa-Geschäft ist integraler Bestandteil des Geschäftsgangs der österreichischen Banken, und gleichzeitig sind der Geldumlauf und Kredit mancher Länder völlig von ihnen abhängig: „Die Region Zentral-, Ost- und Südosteuropa (CESEE) hat im Verlauf des Jahres 2008 weiter an Bedeutung für Österreichs Banken gewonnen. Die aggregierte Bilanzsumme stieg im dritten Quartal 2008 nach einigen Umstrukturierungen gegenüber dem Vorjahr um annähernd 30 % auf rund € 272 Mrd., wobei sich das Periodenergebnis überproportional um ca. 47 % auf annähernd € 3,45 Mrd. ausweitete.“ (Das heißt auf gut deutsch: Der Gewinn steigerte sich mehr als der Umsatz.)
4. Was machen die Banken dort eigentlich? Im Grunde das gleiche wie zuhause. Der wichtigste Bereich aller Banken ist jedoch das Kleinvieh der Privatkunden. Hat man sie einmal über ein Girokonto zu sich in die Bank gelockt, oder eine Firma dazu gebracht, für alle Mitarbeiter Gehaltskonten einzurichten, so eröffnet sich die Möglichkeit, ihnen noch verschiedenste andere Dienstleistungen aufzuschwatzen. Diese Möglichkeiten wurden von den Banken ergriffen und von den Kunden angenommen. Durch die Einführung von Leasing-Verträgen und Gründung von Leasing-Firmen wurden manche Länder auf dem Balkan und in Osteuropa erst zu Automärkten. Die Hypothekarkredite haben erst so etwas wie einen Immobilienmarkt hervorgebracht, zunächst einen florierenden, inzwischen vielerorten einen stagnierenden. Aber auch für die kleinsten Geldbörsen gibt es Angebote: Für den Kauf von Waschmaschinen werden ebenso Kredite vergeben wie für die Erneuerung der Sitzgarnitur. Richtig ins Flutschen gekommen sind diese Kredite durch eine besondere Form der Finanzierung:
5. Ein österreichischer Exportschlager: Die Fremdwährungskredite 5.1. Fremdwährungskredite in Österreich Zunächst verbreiteten sich die Fremdwährungskredite in Österreich, vor allem als Kreditexport von Schweizer Banken: „Für die öffentliche Hand ist die Finanzierung in fremder Währung bereits seit Jahrzehnten üblich. Ab Mitte der Neunzigerjahre ist in Österreich auch die Höhe der durch Unternehmen und private Haushalte aufgenommenen Fremdwährungskredite deutlich gestiegen. … Etwa ab dem Jahr 1995 begannen Unternehmen und Haushalte auf breiter Basis ihre Kredite in Fremdwährung — hauptsächlich in Schweizer Franken und zuletzt verstärkt auch in japanischen Yen — aufzunehmen. Insgesamt bestanden zwischen Ende 1995 und Mitte 2002 mehr als die Hälfte der Zunahme der Kredite der österreichischen Banken an Unternehmen und nahezu zwei Drittel der Zunahme der Kredite an Haushalte aus fremder Währung. In diesem Zeitraum hat sich das Volumen der aushaftenden Fremdwährungskredite mehr als verfünffacht, was einer durchschnittlichen Jahreswachstumsrate von 29 % entsprach. Bei einem Fremdwährungskredit wird die Stabilität der Währung, also geringe Inflationsrate und das Zinsniveau eines Landes selber zu einem Exportartikel. Der österreichische Staat nahm lange Kredite in Fremdwährungen auf, um die eigene Währung, den Schilling, dadurch zu stabilisieren. Unternehmen bedienten sich einer im internationalen Zahlungsverkehr verbreiteteren Währung als des Schillings, um ihre Zahlungsfähigkeit zu erweitern. Für den Privathaushalts-Kreditnehmer schließlich waren diese Kredite ab einem gewissen Zinsniveau-Unterschied trotz der höheren Gebühren immer noch günstiger als Eigenwährungskredite. Sie nehmen dafür auch das Wechselkursrisiko in Kauf: Wird die Landeswährung im Vergleich zur Fremdwährung abgewertet, so verteuert sich der ganze Kredit, also nicht nur die zu bedienenden Zinsen, sondern auch die Tilgung selbst. Die Einführung des Euro gab den österreichischen Banken die Möglichkeit, jetzt selber diese Art von Kreditexport zu betreiben und die Fremdwährungskredite in den Osten weiterzugeben.
5.2. Die osteuropäischen Währungen Das Geld erfüllte in den sozialistischen Staaten nur einige der Geldfunktionen, die es in kapitalistischen Staaten hat. Es war vor allem Kaufmittel für die Gegenstände des täglichen Bedarfs. Zur Wertaufbewahrung taugte es wenig, weil sein Wert überhaupt zweifelhaft war, und es auch dieses Bedürfnis nach Schatzbildung gar nicht gab. Da es bei der Produktion nicht ums Geschäftemachen ging, war auch die Funktion als Zahlungsmittel nicht gefragt. Als Maß der Werte und Maßstab der Preise hätten es die Leiter der diversen Planungskommissionen gerne gesehen, in Ermangelung eines Marktes, an dem sich der Wert bildet, kam auch diese Funktion nicht zustande, dafür aber jede Menge Preisreformen, um doch noch den „wahren Wert“ zu ermitteln. Auch seine Eignung zum Zirkulationsmittel war beschränkt, in einer Welt, wo man oft Mangelwaren wie zum Beispiel Klopapier nur über gute Beziehungen erhielt, Wohnungen über die Arbeitsstelle zugeteilt wurden und Nylonstrümpfe nur in Devisengeschäften erhältlich waren. Und was es schon gar nicht war, war Weltgeld: Es war nicht konvertibel. Als diese Staaten nach 1989 mit diesem Monopoly-Geld auf den Weltmarkt traten, war Konvertibilität das erste Gebot der Stunde. Durch den politischen Beschluß der imperialistischen Staaten, sich dieser Länder zu bemächtigen, verliehen die internationalen Währungsinstitutionen diesen Geldern durch Kreditierung den Status von Währungen: Sie erhielten mit den entsprechenden Auflagen Kredite, die ihnen eine Devisenschatz zur Verfügung stellten, um für das jeweilige Land einen internationalen Zahlungsverkehr zu ermöglichen. Für die meisten Staaten war das der Anfang der Auslandsverschuldung, für einige wenige deren Fortsetzung. Diese Währungen sind also von außen qua politischen Beschluß gestützt und diese Unterstützung wird auch erneuert, weil diese Staaten ja eine Währung haben sollen und müssen, um als Weltmarktteilnehmer tauglich zu bleiben. Gleichzeitig sind sie wie alle Währungen Objekte der Spekulation. Sobald über ein Land schlechte Nachrichten auftauchen, so greift die Besorgnis um sich, daß dieses Land seine internationalen Zahlungsverpflichtungen nicht oder zumindest nicht fristgerecht erfüllen kann und jeder versucht sich dieser Währung zu entledigen. Es ist aber umgekehrt nicht so, daß gute Nachrichten über ein solches Land – es hätte die Krise gut bewältigt, es legt ein höheres Wachstum hin, usw. – den Status der Währung dahingehend aufzubessern, daß dem Zloty oder der tschechischen Krone auf einmal der Status eines Weltgeldes zugesprochen würde. Diese Währungen sind von Anfang an mit dem Makel behaftet, als Geschöpfe fremder Souveräne eingerichtet zu sein und ihren Wert nur über andere Währungen vermittelt zu erhalten.
5.3. Die Fremdwährungskredite in (Süd-)Osteuropa Die Fremdwährungskredite in Osteuropa treffen also auf ein anderes Umfeld als in Österreich. Das Währungsrisiko ist hier ungleich größer, – obwohl wegen der heurigen Eurokrise diese Kredite auch in Österreich verteuert haben, und als Problem besprochen werden. Mit der Finanzkrise sind jetzt sämtliche Sollbruchstellen der Fremdwährungskredite aufgegangen. Besonders betroffen ist Ungarn, wo 70 % aller Konsumentenkredite und 90 % aller Hypothekarkredite auf solche Fremdwährungskredite entfallen. Der Forint wurde abgewertet, die Zahlungsschwierigkeiten nehmen zu. Die Schuldner können die Kredite nicht bedienen, die Banken sie nicht abschreiben. Delogierungen nehmen zu. Die Regierung würde sie gerne in Forint-Kredite umschulden. Aber erstens ist das kostspielig und wer trägt die Kosten? Zweitens wurden diese Kredite ja in Fremdwährung aufgenommen, weil sie in Forint noch weniger bezahlbar wären. Verbieten kann die Regierung diese Kreditform auch schlecht, da sie ja selber Anleihen in ausländischen Währungen begibt und es eine sehr schiefe Optik hätte, wenn ein Staat sich selber etwas vorbehält, was er seinen Bürgern untersagt: Die Frage würde sofort gestellt, ob dieser Staat überhaupt noch irgendeinen Kredit hat. Weißrußland und die Ukraine haben jedenfalls solche Verbote erlassen, und in Österreich selbst werden Bestimmungen überlegt, den osteuropäischen Tochterbanken zumindest die Vergabe von Franken- und Yen-Krediten zu untersagen. „Rund 120 Mrd. Euro haben die österreichischen Banken in Ost- und Südosteuropa in fremder Währung verliehen. Das sind immerhin knapp 50 Prozent des gesamten Kreditobligos, das die Osttöchter von österreichischen Banken in der Region aushaftend haben. Das Fremdwährungskreditvolumen in der Region Ost- und Südosteuropa sei zuletzt bereits rückläufig gewesen, berichtet die OeNB.“ (APA, 3.3. 2010)
6. Krisenbewältigung 6.1. Staatliche Vorgaben und Hilfestellungen in den 90-er Jahren und später … Die Selbstliquidation der SU und der Zusammenbruch des Ostblocks vor mittlerweile 20 Jahren ebenso wie die geforderte und so gut es eben ging geförderte Zerstörung Jugoslawiens wurde von Österreich als historische Chance genommen, durch die Öffnung der vormaligen „toten“ Grenze nach Osten die eigene europäische „Randlage“ zu überwinden und ökonomisch nach (Süd-)Osten zu expandieren. Nachdem von Anfang an klar war, daß das maßgebliche Subjekt der Neugestaltung Osteuropas die EU sein würde, war der österreichische EU-Beitritt 1995 umso dringlicher. Die Ost-Erweiterung der EU von 2004 wurde hierzulande entsprechend begrüßt; sie gilt als noch nicht abgeschlossen – es fehlt aus österreichischer Sicht der Balkan, speziell Kroatien. „Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner zählt Österreich heute zu den reichsten Staaten sowohl der EU als auch der ganzen Welt. Österreich liegt beim BIP je Einwohner bereits an der 4. Stelle in der EU. Deutschland – der wichtigste Handelspartner – ist an der 10. Stelle. Weltweit liegt Österreich am 10. Platz.“ („Das ist Österreich. Wirtschafts- und Arbeitsstandort“ Wirtschaftskammer Österreich 2008) Die „Summe der Aktiva“ der österreichischen Banken insgesamt hat sich von 1998 bis 2008 auf 1000 Mrd. Euro mehr als verdoppelt, die „Summe der Auslandsaktiva“ auf 370 Mrd. Euro mehr als verdreifacht, bei einer Verdopplung der „Summe der Auslandspassiva“ im selben Zeitraum auf 260 Mrd. (ÖNB) Dafür wurde einiges unternommen: Das Ergebnis kann sich sehen lassen: „Immerhin haben die österreichischen Banken im dritten Quartal 2008 nach Zahlen der BIZ rund 201 Mrd. Euro im Osten verborgt gehabt, knapp drei Viertel entfielen auf Länder innerhalb der EU. 50 Milliarden lagen im Osten außerhalb der EU. Zählt man noch die in Auslandsbesitz befindliche … Bank Austria/UniCredit dazu, belief sich das Exposure im Osten auf 300 Mrd. Euro. Ende September hielt Österreich damit 20 Prozent am Gesamtexposure ausländischer (EU-15) Banken im Osten. Samt Bank Austria und der in Südosteuropa aktiven Hypo Alpe Adria waren es 28 Prozent.“ (Wirtschaftsblatt 27.2.09) Zum Vergleich: Der österreichische Anteil am gesamteuropäischen Bruttosozialprodukt liegt knapp unter 3%; das österreichische Bruttosozialprodukt 2008 betrug 280 Mrd. Euro, der Budget-Entwurf für 2010 sieht staatliche Ausgaben von 70 Mrd. Euro vor.
6.2. … und Schadensbegrenzung 2008-2010, a) national „Auch auf seiner Besuchstour in Osteuropa stieß Finanzminister Josef Pröll auf offenes Desinteresse. Diese Reaktion sei nur eine Momentaufnahme, ist der Vizekanzler überzeugt: ‘Die Stabilität so naher Märkte ist für alle von Bedeutung, besonders für exportorientierte Länder wie Deutschland oder Frankreich.’ Genau deshalb wäre die Suche nach Verbündeten im Westen erfolgversprechender als die Reise in den Osten.“ (profil 8/09) Dem Plan Prölls, bereits mit Ost-Verbündeten im Westen aufzukreuzen, wurde von diversen osteuropäischen Politikern eine Absage erteilt. Die Angesprochenen waren skeptisch, was es ihnen helfen würde, unter österreichischer Regie zu betteln, und sie wollten auch nicht mit den Pleite-Kandidaten in einen Topf geworfen werden. Die Zweifel an der österreichischen Kreditwürdigkeit kulminierten in der Spekulation um die anstehende Pleite des gesamten österreichischen Banksektors, u.a. durch Vergleiche mit Island, von einem Nobelpreisträger ausgebreitet und vom IWF munitioniert; dessen Chef Strauss-Kahn lieferte später einen Widerruf – es hätte sich um einen „Rechenfehler“ gehandelt – ab. b) supranational Es wäre ja in niemandes Interesse, weder der restlichen europäischen Banken, noch der Politiker, und auch nicht der Anleger und Kreditnehmer hüben und drüben, wenn der Bankplatz Österreich auf einmal zusammenbrechen und ganz Ost-Mittel- und Südosteuropa mit sich reißen würde. Daß dergleichen bitter vonnöten war, zeigen die Vorgänge um die Hypo Group Alpe Adria, die nicht nur den Bankplatz Österreich gefährdet haben und deren Auswirkungen auf Staats-, Landes- und Kommunalkredit noch nicht absehbar sind, die aber auch aufgrund der marktbeherrschenden Stellung der HGAA den Kreditüberbau und damit auch die Wirtschaft Kroatiens in gröbere Schwierigkeiten gebracht haben. Also wurden ohne großes Getöse – der Kredit sowohl einer Bank als auch eines Staates leidet unter zuviel Gerede – zunächst 27 Milliarden Euro irgendwie „zur Verfügung gestellt“, d.h. von den diversen Banken und Kreditinstitutionen geschöpft oder geschaffen und durch gegenseitige Absprachen garantiert. Außerdem hat eine der Suborganisationen der Weltbank Anfang 2010 ein spezielles Institut in Wien eingerichtet, das sich mit dem Aufkaufen von uneinbringlichen Krediten befassen soll. Die Verantwortlichen erwarten sich dabei ein neues Geschäftsfeld, da die irgendwie geordnete Abwicklung geplatzter Kredite die einzige Chance für die gescheiterten Schuldner ist, jemals wieder zu Kredit zu kommen. Ob eine genügend große Anzahl solcher Habenichtse diese „Gelegenheit“ nutzen können wird, wird sich weisen. Die bisherigen Maßnahmen dieser Initiative werden Ende 2010 auslaufen, die Initiatoren stellen inzwischen, zuletzt bei einer Tagung im September, die Weichen für ein neues „Wachstums“-Modell. Fazit. Was vor einem Jahr noch gar nicht klar war: Die Leistungen Österreichs und seiner Unternehmer bei der Erschließung des postsozialistischen Wirtschaftsraums werden von allen Beteiligten und auch Betroffenen gewürdigt und mit Unterstützung im Augenblick der Not belohnt, – wodurch festgeschrieben wird, daß möglichst alles so weitergehen soll wie bisher und die österreichischen Banken weiterhin die Nutznießer des Kredits bleiben, den sie in den Nachbarstaaten eingerichtet haben und betreuen.
__________________________________________________________ *1) siehe dazu den Artikel aus Gegenstandpunkt 3/2010: Die Pleite der Hypo Alpe Adria *2) Wenn mans genau nimmt und die BA-CA als österreichischen Zweig einer ausländischen Bank einstuft, so ist die Erste Bank xxxinzwischen die größte österreichische Bank. |