ÖKUMENE 2021: DER PAPST BESUCHT DEN IRAK

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Franziskus hat Anfang März dieses Jahres wirklich in Sachen Eigenwerbung oder Schlagzeilen den Vogel abgeschossen. Er ahnte vermutlich schon, daß mit dem Segen Urbi Et Orbi zu Ostern nichts werden wird und man rechtzeitig einen Ersatz-Event veranstalten sollte. Andererseits war dieser Besuch bereits von langer Hand geplant, wie sich inzwischen herausgestellt hat.

Während sich die Medien in mehr oder weniger belanglosen Corona-News wälzen, Feindbildpflege gegen China, Rußland und die Militärs in Myanmar pflegen und ihre Spalten ansonsten häuslicher Gewalt, Prominenten und Kultur widmen, macht sich der Pontifex auf in dasjenige Land, das vom imperialistischen Westen in den vergangenen 2 Jahrzehnten tatsächlich in eine Art Steinzeit, oder zumindest minen- und phosphorverseuchte Ödnis gebombt worden ist.
Man wundert sich oft, daß es den Irak als territoriale Einheit überhaupt gibt, obwohl es damit in der Tat nicht weit her ist. Der kurdische Teil ist de facto getrennt von der Metropole Bagdad, wo ein Konglomerat zwischen iranisch orientierten Schiiten, den USA-Militärs, schiitischen Milizen und iranischen Militärhelfern den Ton angibt, während ein großer Teil der Bevölkerung von der Hand in den Mund lebt, als Flüchtlinge in Ruinen haust und sich um die Brosamen keilt, die von irgendwelchen Militärstützpunkten und ähnlichem für sie abfällt.

Was bewegte den argentinischen Papst dazu, dieses mehr als exquisite Reiseziel aufzusuchen?


1. Christentum heute

Für Leute, die nicht religiös sind, mag sich das Christentum als eine verhältnismäßig einheitliche Angelegenheit darstellen.
Aber das ist völlig verkehrt.
Vor allem die katholische Kirche ist seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Der polnische Papst hat dadurch, daß er sich mit den weltlichen Herren, vor allen den USA, mehr oder weniger ins Bett gelegt hat, viele katholische Gläubige vergrausigt, sowohl in Europa als auch in anderen Teilen der Welt.*1 Die katholische Kirche hat u.a. deswegen ziemliche Nachwuchsprobleme, wovon verödete Klöster und Diözösen Zeugnis ablegen. Einige Priester-Export-Länder wie Kroatien, Polen oder die Philippinen trotzen dem allgemeinen Trend, aber in den meisten Teilen der Welt fällt es aufgrund des starken Personalmangels schwer, irgendwie einen flächendeckenden Normalbetrieb aufrechtzuerhalten und Taufen, Begräbnisse, Firmungen und Trauungen termingerecht abzuwickeln. Zieht sich die Kirche jedoch aus einer Gegend zurück, weil sie vakante Priesterstellen nicht nachbesetzen kann, so führt das zu weiterem Mitgliederschwund. Die herrenlosen Schäfchen laufen dann notgedrungen zur Konkurrenz und wickeln dort ihr religiöses Leben ab.
Ständig hier und dort auftauchende Mißbrauchs-Geschichten tragen weiter zur Unattraktivität der katholischen Kirche bei, und schließlich fällt auch das Zölibat schwer ins Gewicht: Nicht nur, daß das Eheverbot junge Gottesfürchtige von der katholischen Kirche abschreckt und das weibliche Reservoir ungenützt bleibt, so kann diese Konfession auch nicht für natürlichen Nachwuchs sorgen.

Demgegenüber haben die verschiedenen orthodoxen Kirchen im ehemals sozialistischen Osten regen Zulauf. Sie werden auch von ihren verschiedenen Staatsgewalten gefördert, gegen entsprechende reziproke Dienstleistungen, wie zum Beispiel Wahlwerbung – es beflügelt den politischen Erfolg einer Partei oder Person enorm, wenn der Pope am Wahltag von der Kanzel den einen oder anderen Kandidaten empfiehlt, wie das in Rumänien, der Ukraine, Bulgarien und dem sonstigen Balkan gang und gäbe ist. Viele Arbeitslose aus dem Geheimdienst oder dem restlichen sozialistischen Staatsapparat kamen in den seither eifrig errichteten Klöstern unter, ohne sich mit Arbeit einen Haxn auszureißen oder groß ihre Ideologie zu ändern. Familiengründung ist möglich und oftmals sogar erwünscht.
Die Verpflegung dürfte auch nicht schlecht sein, weil diese ganzen Institutionen werden halbwegs regelmäßig mit dem Nötigsten versorgt, und nehmen sich auch der Witwen und Waisen an, machen sich durch Suppenküchen beliebt und bewähren sich dabei auch als Institutionen der Geldwäsche. Sie sind im postsozialistischen Raum also bestens integriert und werden von der Politik hofiert, ganz anders als die römische Kirche, die mit wenigen nationalen Ausnahmen als ultramontane Fremdlinge betrachtet werden, denen eine Staatsführung mit gewisser Vorsicht begegnen muß.
Um so mehr, als nach der Wende 1990 viele katholische und evangelische Gruppen im Osten eine rege Missionstätigkeit entfalteten, um dort Anhänger zu gewinnen.
Dem schob z.B. Jelzin in seltener Einigkeit mit der Duma und sogar den Kommunisten Sjuganows Ende der 90-er Jahre einen Riegel vor, indem er der katholischen und den evangelischen Kirchen den Status einer autochtonen Kirche Rußlands verweigerte, im Unterschied zum orthodoxen Christentum, dem Islam und dem Buddhismus.

Als nächstes befinden sich in dem Raum, in den sich der Papst jetzt begeben hat, jede Menge von christlichen Kirchen, die im Zuge des morgenländischen Schismas irgendwie übriggeblieben sind, und sich seither in Ermangelung des byzantinischen Gegenpols mehrheitlich der römischen Kirche angeschlossen haben, wie die maronitischen Christen, die armenische Kirche, die Chaldäer*2 oder die Assyrische Kirche des Ostens. Letztere ist zwar schwer dezimiert, aber als isolierte Kirche vielleicht empfänglich für Lockrufe aus Rom, vor allem, wenn es dazu materielle Unterstützung gibt.
Der Papst sucht also in den Trümmern des Irak nach Anhängern, mit denen er seine schrumpfende Herde wieder etwas aufpäppeln kann. Um so mehr, als die Christen Syriens, des Irak und der umliegenden Staaten durch Krieg, Terror, Pogrome und die jahrelange Drangsalisierung durch den IS inzwischen als Flüchtlinge über die ganze Welt verstreut sind. Die gute Figur, die der Papst inmitten des Schutts und der Trümmer von Mossul macht, schlägt sich möglicherweise als Zulauf der Dependancen Roms in Österreich, Deutschland, Kanada oder Australien nieder. Immerhin wird das medial in alle Winkel der Erde verbreitet, unter dem Motto: Der Heilige Vater vergißt seine Kinder im Elend nicht!

Schließlich, und nicht als letztes, existieren zahlreiche evangelische und evangelikale Kirchen und Sekten rund um die Welt. Die sind, mit kräftigen materiellen Zuwendungen versehen, als Stoßtrupp der USA, sozusagen deren Talibane, in der Heimat des Papstes, in Lateinamerika unterwegs, um dort die Monroe-Doktrin wieder etwas fester zu implantieren. Unter den Eliten wie unter den Armen versuchen sie, die angestrebte Führungsmacht populär zu machen und etwaigen lokalen Souveränitätsbestrebungen entgegenzuwirken.
Auch dieser Abteilung gegenüber möchte der Papst möglicherweise zeigen: Die römische Kirche ist hier wie dort zuständig, um seinen Getreuen auch in Lateinamerika den Rücken zu stärken.

Abgesehen von der Absicht, seine Scharen zu stärken und zu vergrößern, möchte der Papst natürlich auch Weltpolitik betreiben.


2. Mossul

Man muß dem Pontifex zugestehen, daß er ein völlig zerstörtes Gebiet wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt hat.

Mossul, immerhin die zweitgrößte Stadt des Irak, ist nach wie vor ein Ruinenfeld. Es ist schwierig, an Zahlen zu kommen, wieviele Menschen in Mossul vor der US-Invasion 2003 lebten. Wikipedia gibt für das Jahr 1987 eine Zahl von 664.221 Einwohnern an. Eine andere Quelle nennt eine Zahl von 1,084.134 Flüchtlingen für das Jahr 2017. Mossul hatte also vermutlich 2002 zwischen 1 und 1,5 Millionen Einwohner. Sie setzten sich aus vorwiegend sunnitischen Arabern, Kurden, Turkomanen, Christen, Jesiden und anderen Minderheiten zusammen. Eine weitere Website gibt die Bevölkerung des Großraums Mossul heute mit 1,6 Millionen an. Da sind vermutlich auch diverse Vorstädte und umliegende Dörfer mit einbezogen. Alle diese Menschen leben inmitten von Ruinen.

Es gibt kaum Hilfen für den Irak. Keine Macht der Welt hat viel Interesse an dieser zerstörten Region.

Eine Ausnahme bildet das irakische Kurdistan. Dort haben die USA einen Stützpunkt eingerichtet, Ölfirmen tummeln sich dort, auch ein Teil des syrischen Erdöls wird über den Irak an der syrischen Regierung vorbei, mit tatkräftiger Hilfe türkischer Firmen und Pipelines, auf dem Weltmarkt verscheppert.

Das alles betrifft jedoch Mossul nicht. An dieser Region hat niemand ein Interesse. Auch die Regierung in Bagdad kann oder will nichts für Mossul tun. Es ist gar nicht klar, wer dort das Sagen hat. Der Papst beging jedenfalls seine Messe in der Altstadt von Mossul inmitten der Ruinen von Kirchen und anderen Bauten.

Mossul wurde bereits 2006 ins Visier des IS genommen, bevor diese Organisation außerhalb des Irak überhaupt zur Kenntnis genommen wurde:

„Im Dezember 2006 riefen sunnitische Extremisten der Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und der Levante … in Mossul das Islamische Emirat Irak aus, dessen Hauptstadt Mossul werden sollte. Ein sogenanntes Kriegsministerium verkündete seine Anordnungen mittels Flugblättern. Seitdem nahm Terror in Mossul signifikant zu: Polizisten, Journalisten und Frauen ohne Kopftuch wurden ebenso bedroht und ermordet wie Inhaber kleiner Fotostudios (nach Ansicht des »Kriegsministeriums« widersprach das Abbilden von Lebewesen dem Islam).“ (Wikipedia, Mossul)

Die Eroberung Mossuls durch den IS 2014 wirft viele Fragen auf, die niemand so recht beantworten will. Dem IS fiel damals jede Menge gerade frisch aus den USA an den Irak geliefertes Kriegsgerät in die Hände. Die meisten Offiziere der irakischen Armee flüchteten, die führungslosen Soldaten wurden abgeschlachtet. In den Banken Mossuls lagerte viel Bargeld in Dollars, mit dem der IS seine weiteren Aktionen finanzieren konnte.
Es war die Eroberung Mossuls, die den IS erst zu der großen Bedrohung werden ließ, die er jahrelang für die ganze Region darstellte. Dementsprechend fiel die Rückeroberung Mossuls durch gemischte Streitkräfte – die irakische Armee, schiitische Milizen, kurdische Peschmergas und amerikanische und britische Militärberater und Luftwaffe – sehr langwierig und blutig aus und zerstörte auch einen guten Teil derjenigen Bausubstanz, die der IS in seinem bisherigen Wüten gegen alles vermeintlich Unislamische übrig gelassen hatte. Vor ihrer endgültigen Niederlage wurde von den verbliebenen IS-Kämpfern auch die Große Moschee des an-Nuri gesprengt, in der 2014 das islamische Kalifat ausgerufen worden war.

Von Mossul und der ebenfalls in Ruinen liegenden Stadt Karakosch begab sich Franziskus nach Nadschaf, um das Oberhaupt der Schiiten, Al-Sistani, zu treffen.


3. Der schiitische Islam

Die Haupt-Konfessionen des Islam spalteten sich über die Frage, wer der legitime Vertreter Gottes auf Erden sei – die Nachfahren Mohammeds oder seine treuen Schüler? Sollen die Bande des Blutes stärker oder schwächer sein als der Glaube und die Treue gegenüber den Lehren und ihrer gottesfürchtigen Interpretation?
Die Schia sieht in der Abstammung die einzige Garantie für die wahre Lehre. Die Schiiten verfügen über einen Klerus, in dem die Hierarchien relativ genau geregelt sind. Obwohl sie historisch in der Frage des Kalifats unterlegen sind, haben sie sich als Nebenlinie des Islam gehalten, zum Ärger der Sunniten. In der Schia ist das Amt erblich: Nur der Sohn eines Mullahs/Ajatollahs kann zu Amt und Würden gelangen.

Die Schiiten gelten radikalen Anhängern des sunnitischen Islam als Häretiker: Sie lehnen den Dschihad, den Heiligen Krieg ab, solange der Mahdi, der 12. Imam, nicht erschienen ist, um zum Endkampf aufzurufen.
Sie sind für Vertreter des Islam wie dem IS daher Abtrünnige und Verräter, die schlimmer sind als die Ungläubigen aller Konfessionen. Der IS war ein willkommenes Werkzeug Saudi-Arabiens und anderer Golfstaaten, die ihn unterstützten, um den schiitischen Einfluß im Nahen Osten zurückzudrängen.

Der heutige Gegensatz zwischen Schia und Sunna entstand nach dem Sturz des Schahs. Reza Pahlevi war ein treuer Statthalter der imperialistischen Interessen der USA gewesen. Der Gottesstaat der Mullahs hingegen erklärte die USA zu einer feindlichen Macht und schuf damit eine Gegen-Macht – gegen die Interessen des Westens und seine Verbündeten, was in der Region einer Kriegserklärung an den Einfluß Saudi-Arabiens gleichkam.

Der Gegensatz zwischen dem schiitischen und dem sunnitischen klerikalen Regime müdete in eine absurde Spirale, als die USA nach ihrer Invasion im Irak 2003 keine anderen Kollaborateure fanden als ausgerechnet irakische Schiiten, die seither den Irak zwar nicht wirklich beherrschen, aber doch die einzige Zentralmacht dort stellen.

Ali Al-Sistani wurde 1930 in Madschad im Iran in eine Familie von Klerikern geboren. Er stammt also nicht aus dem Irak. Nach Studien in Madschad und in Ghom übersiedelte er 1951 nach Nadschaf, dem Zentrum der Schia. Nach dem Tod seines Lehrers Abul Kassem al-Khoei wurde er das Oberhaupt der Schiiten, dem sich sogar die obersten Ayatollahs des Iran unterwarfen.
Während er die Jahre vor der Invasion der USA 2003 im Hausarrest verbringen mußte und wenig politisch-religiösen Einfluß ausüben konnte, bescherte die Lage nach 2003 ihm eine unangefochtene Führungsposition: Erstens wurde der Sohn seines ehemaligen Mentors, Abd al-Madschid al-Khoei, unmittelbar nach seiner Rückkehr in den Irak von einer aufgebrachten Menge gelyncht. Die Iraker nahmen ihm seine Packelei mit der Besatzungsmacht übel. Sie meinten: Wer sich mit Invasoren gemein macht, gehört weg!
Als zweites wurde sein einziger weiterer nennenswerter Rivale um die religiöse Autorität, Muhammad Baqir al-Hakim, durch eine Bombe getötet. Ein weiterer Vertreter der irakischen Schiiten, Muqtada as-Sadr, der Sproß einer Familie irakischer Geistlicher, erkennt Al-Sistani als Oberhaupt an. Ähnlich verhält es sich mit den iranischen Notabeln, dem Wächterrat, Al-Khamenei und anderen: Sie erkennen Al-Sistani als oberste Instanz an.
Dabei spielt natürlich auch die politische Kalkulation eine Rolle, daß ein Iraner im Irak als schiitischer Papst den Einfluß des Iran in der Region erhöht. Wenn schon die iranischen Politiker sich ihm unterwerfen, so sollen das andere Politiker in Syrien, im Libanon, im Jemen und Pakistan, usw. auch tun.


4. Zwei Päpste unter sich

Wenn sich zwei solche oberste religiöse Führer miteinander treffen, so hat das etwas Widersprüchliches an sich: Jeder der beiden beansprucht, der Vertreter Gottes auf Erden zu sein. Und zwar des einzigen und wahren Gottes. Dann soll es den Einzigen auf einmal in zwei Ausführungen geben?
Der eine ein Abstraktum, das man nicht abbilden darf und dem man sich vollständig unterwerfen soll. Der andere ein Typ mit Rauschebart, der auf sehr verschlungenen Wegen einen Sohn gezeugt haben soll und dann dem damaligen Klerus und der weltlichen Macht zur Hinrichtung überlassen hat.
Hmmm. Es ist schwierig, sich vorzustellen, daß der eine und einzige Gott in so verschiedenen Kostümen auftritt.
Aber selbst, wenn man sich auch wieder mit etwas Zähne-Zusammenbeißen darauf einigt, daß man dem gleichen Allerhöchsten dient, der sich am Freitag anders gibt als am Sonntag – wie kommt es dann, daß er sich zwei Vertreter genehmigt?

Die Personalpolitik Allahs bleibt uneinsichtig.

Dennoch haben sich diese beiden Päpste jetzt getroffen und beschlossen, sich in die Weltpolitik einzubringen, was angesichts der bescheidenen Performance der heute herrschenden imperialistischen und lokalen Gewalten im Irak ein ebenso begreifliches wie nobles Anliegen ist.


5. Christentum und Islam im Vorderen Orient

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“ fragte Stalin in Jalta Churchill, als ihm von diesem vorgeschlagen wurde, sich mit der katholischen Kirche, hmmm, gut zu stellen.

Stalin hatte recht und unrecht zugleich. Denn die weltliche Macht operiert mit Divisionen – mit schwerem Gerät, mit Waffen aller Art zwingt sie den Gegner in die Knie.
Aber die Herrschaft über die Gedanken der Menschen, die diese Waffen bedienen, wird durch geistige Führer bewerkstelligt, und die möchten die weltlichen Herren gerne als Verbündete auf ihrer Seite wissen. Lange waren in Europa weltliche und kirchliche Macht Konkurrenten – in Zeiten, als die Päpste tatsächlich Divisionen hatten.
Es war eine Errungenschaft der Neuzeit, Religion und Staat zu trennen, und im Islam entstand in den letzten Jahrzehnten eine Gegenbewegung, die diesen Schritt wieder rückgängig machen wollte, weil sie sich dadurch Machtzuwachs versprach. Der Iran, Saudi-Arabien, die Taliban betreiben bzw. betrieben Gottesstaaten, wo die religiöse Oberhoheit und die staatliche Lenkung in einem Gremium vereinigt sind, wie in den muslimischen Großreichen der Vergangenheit.

Inzwischen will der Papst, wie es aussieht, auch wieder Politik machen, weil es gar nicht klar ist, welche imperialistische Macht eigentlich das christliche Wertesystem vertritt.
Immerhin geht die Unterstützung des Wahhabismus einher mit Schädigung und Vertreibung der Christen des Nahen Ostens, wie der Papst kürzlich im Irak besichtigen konnte. Im letzten Jahrzehnt blieben auch die Aufrufe verschiedener christlicher Oberhäupter Syriens ohne Folgen, die die Politik des Westens in Syrien scharf angriffen und ihre Unterstützung für die Herrschaft Assads aussprachen.
Der IS hat angeblich noch mehr als 10.000 Kämpfer in Syrien und im Irak, nach den Schätzungen des Pentagon und der UNO. Von irgendwoher werden die unterstützt, und der Verdacht liegt nahe, daß es nach wie vor Saudi-Arabien ist.

Der Griff des Papstes nach mehr Einfluß in der Welt ist somit eine direkte Folge der Politik der USA und der EU in Syrien, dem Irak usw., und auch des Niederganges des Westens – Europas, der USA und ihrer Satelliten.


6. Der sunnitische Islam

Bis zum Ende des I. Weltkrieges waren die Trennlinien zwischen den muslimischen Konfessionen fließend, von regionalen Machtkämpfen und Bündnissen geprägt.
Das änderte sich, als die wahhabitischen Saudis 1925 den Hedschas eroberten und die angestammten Haschemiten, aus denen beide Haupt-Strömungen des Islam hervorgegangen waren, vertrieben. Dies geschah im Einvernehmen mit dem britischen Geheimdienst und Außenamt, die ihre vorherigen Verbündeten fallenließen.
Die Wahhabiten, die bis dahin schon gezeigt hatten, was sie können – ihre Eroberungen gingen stets mit der Zerstörung von Moscheen, Grabmalen und anderen Gebäuden und mit Terror gegen die dortige Bevölkerung einher – wurden damit zu den Beherrschern der heiligsten Stätten des Islam.
Die wahhabitischen Saudis betrachten sich als die einzigen wahren Vertreter des Islam, alle anderen Strömungen sind im Grunde Häresie. Um diese Schreckensherrschaft aufrechterhalten zu können, bedurften sie immer äußerer Stützen. Es ist anzunehmen, daß bereits die Briten ihnen deswegen ihre Expansion ermöglichten. Sie sahen sie aufgrund der geringen regionalen Akzeptanz als treue Verbündete.
Die Allianz mit dem imperialistischen Westen wurde bekräftigt durch das historische Treffen des ersten Saudi-Königs mit F.D. Roosevelt auf einem Schiff im Suezkanal im Februar 1945. Damals war bereits bekannt, daß Saudi-Arabien über große Ölvorkommen verfügte. Nach 1945 wurden sie erschlossen, um der schnell ansteigenden weltweiten Ölnachfrage genügen zu können. Erstens wurden die Saudis damit noch wichtiger für die Zentren der westlichen Welt. Zweitens regnete es Geld. Damit konnte der Wahhabismus weiter expandieren, wenngleich nicht unmittelbar durch Grenzveränderungen.

Nur um sich von den Dimensionen des saudischen Ölreichtums einen Begriff zu machen:

„Die Pandemie hat der größten Ölgesellschaft der Welt, Aramco, ordentlich zugesetzt. Die staatliche saudische Firma verbuchte 2020 einen Gewinn von 49 Milliarden Dollar (41 Milliarden Euro) – 44% weniger als im Vorjahr. … Innerhalb von 2 Jahren sank der Gewinn von Aramco von mehr als 111 Milliarden Dollar auf weniger als 50.“ (El País, 22.3.)

Auf das saudische Geld stützten sich die Mudschaheddin in Afghanistan. Mit saudischem Geld wurden jede Menge Medressen (Koranschulen) in Pakistan finanziert und mit wahhabitischen Lehrern versorgt. Dem verdankt die Welt das Erstarken des Fundamentalismus im ehemals mehrheitlich schiitischen Pakistan und die Entstehung und die Machtergreifung der Taliban. Al-Qaida und der IS wurden von Saudi-Arabien unterstützt und konnten deshalb so weit kommen, wie sie kamen. Das Nachbarland Jemen legt Saudi-Arabien in einem Dauerkrieg in Schutt und Asche, und mit seiner Ölförderung trug und trägt es sehr zum Verfall des Ölpreises bei, und setzt damit andere Ölförderländer unter Druck. Auch der heutige traurige Zustand des Libanons geht zu einem guten Teil auf die Einflußnahme Saudi-Arabiens zurück.

Bei all diesem segensreichen Wirken dieses Lieblings der westlichen Demokratien, der „internationalen Staatengemeinschaft“, hatte auch die Rivalität zum Iran einen hohen Anteil. Saudi-Arabien wird vom Westen unterstützt, um den Einfluß des Iran klein zu halten, seitdem dort die Mullahs 1979 die Macht ergriffen haben.
Ebenfalls ein Dorn im Auge der saudischen Königsfamilie waren säkulare und dem Westen nicht genehme Regierungen wie diejenigen Syriens, Libyens oder des Irak. Die gegen diese Regierungen tätigen fundamentalistischen Bewegungen wurden ebenfalls mit saudischem Geld unterstützt. Man sieht die Ergebnisse heute deutlich. Die wahhabitische Dynastie hat ziemlichen Schaden angerichtet und ist in der muslimischen Welt dementsprechend verhaßt, kann sich aber aufgrund von Geld und Unterstützung aus den USA und Europa weiterhin fast alles erlauben. (Man vergleiche das mediale Getöse um Navalny mit dem Säuseln im Blätterwald um den zersägten und verschwundenen Khashoggi.)

Der sunnitische Islam hat keinen Klerus, es gibt also keine geregelten Hierarchien. Bauunternehmer, Ärzte oder Politiker können Koraninterpretationen vornehmen und Fatwas erlassen.
Jeder, der sich berufen fühlt, kann in einem Hinterhof oder einem beliebigen als Moschee deklarierten Gebäude Prediger werden und zum Dschihad aufrufen. Davon wurde in den letzten Jahrzehnten weltweit reichlich Gebrauch gemacht, was verschiedene religiöse Gelehrte in der muslimischen Welt sehr aufgebracht hat.

Ihnen wäre es recht, auch so etwas wie eine Hierarchie im Islam einzurichten und den Einfluß des Wahhabismus zurückzudrängen.


7. Ein sunnitischer Beinahe-Papst

Eine der renommiertesten Institutionen der islamischen Welt ist die Azhar-Universität und -Moschee in Kairo.
Im 10. Jahrhundert von den schiitischen fatimidischen Kalifen gegründet, als neues Zentrum des Islam – nach Damaskus und Bagdad – ist sie eine der ältesten Stätten islamischer Gelehrsamkeit der Welt. Ihr Vorstand, der „Scheich al-Azhar“ ist eine der höchsten Autoritäten des Islam. Seine Autoriät wird allerdings durch die Konkurrenz der muslimischen Staaten eingeschränkt. Für Ägypten ist die Azhar immer ein Mittel zur Einflußnahme in der islamischen Welt gewesen, aber neben den Geldmitteln der Saudis schaut sie eben recht alt aus. In Ägypten selbst mußte ihr Scheich seit geraumer Zeit den Spagat schaffen zwischen den Muslimbrüdern, Al-Queda-Anhängern und den verschiedenen Militärführungen seit Nasser.

Der jetzige Scheich der Azhar, Achmad Al-Tayyib, hat genug von diesem Lavieren zwischen allen möglichen Machtzentren und Bewegungen, das ihn letztlich bei allem Ansehen zu einem faktischen Hampelmann der weltlichen Mächte, konkret der ägyptischen Regierung, degradiert. Er baut seine jetzige Stellung auf der wechselseitigen Unterstützung der Regierung Al-Sisi auf, hat aber Ambitionen, seinen Einfluß auszudehnen und den Saudi-Arabiens zurückzudrängen. Das wäre natürlich der ägyptischen Führung auch sehr recht.


… in Zusammenarbeit mit einem muslimischen Außenpolitiker …

So hat er 2016 bei einem Treffen islamischer Autoritäten in Groznyj teilgenommen, das von Ramzan Kadyrow organisiert worden war und wo diejenigen Vertreter des Islams eingeladen worden waren, die Wahhabismus, Salafismus und andere Strömungen des politischen Islams ablehnen.
Um die Person und die Rolle Kadyrows zu verstehen, muß man wissen daß sein Vater, Achmad-Hadschi Kadyrow, seinerzeit die Unabhängigkeit Tschetscheniens von Rußland unterstützt hatte, aber später, als der Salafismus Saudi-Arabiens sich in Tschetschenien breitzumachen begann, die Seiten wechselte und dafür mit seinem Leben bezahlte.
Ramzan Kadyrow macht gerne Außenpolitik und hat dafür auch die Unterstützung Moskaus. Zusammen mit Raschid Dostum plante er vor einiger Zeit ein Afghanistan nach den USA. Ebenso wie diese Konferenz sind dergleichen Treffen und Pläne für ihn ein Versuch, einen muslimischen Gegenpol gegen den Einfluß Saudi-Arabiens aufzubauen. Der Ausgang dieser Politik ist ungewiß, aber der Papst nimmt diese Art von Initiativen zur Kenntnis und möchte sich einklinken.


… und dem christlichen Oberhäuptling

2019 hat Al-Tayyib sich mit Papst Franziskus in Abu Dhabi getroffen und eine „Erklärung der Brüderlichkeit“ unterzeichnet.
Den Ort sollte man sich merken. Auch die Vereinigten Emirate sind offensichtlich die Dominanz Saudi-Arabiens satt und wollen aus deren Schatten heraustreten, ohne in eine offene Konfrontation mit Riad zu treten. Deswegen die Anerkennung Israels und die Organisierung der Gespräche zwischen den USA und den Taliban, und auch das Treffen zwischen dem Papst und Al-Tayyib.

Februar 2019, Abu Dhabi

Al-Tayyib freut sich auch über die Irakreise des Papstes, weil er sich davon Stärkung seiner eigenen Autorität erhofft. Wenn es schon keinen Papst im sunnitischen Islam gibt, so macht zumindest die Anerkennung durch ein christliches Oberhaupt und eine möglichst breite Koalition anderer muslimischer Notabeln einen guten Eindruck:

„Die Reise von Papst Franziskus in den Irak, in deren Verlauf er auch den Schiitenführer Ali al-Sistani treffen wird, hat den Segen des (sunnitischen) Großimams von al-Azhar: »Die historische Reise meines Bruders @pontifex_de in den Irak sendet eine Botschaft von Frieden, Solidarität und Unterstützung für alle Iraker«, schreibt Ahmed al-Tayyeb, der als höchste sunnitische Lehrautorität gilt, an diesem Freitag auf seinem Twitter-Account.
Er bete zu Allah um Erfolg für den Besuch »und dass seine Reise das gewünschte Ergebnis haben wird, auf dem Pfad der menschlichen Geschwisterlichkeit weiterzugehen.«
Schon lange pflegen Papst Franziskus und der Großscheich al-Tayyeb einen fruchtbaren und durch Respekt geprägten Dialog.“
(„Ein geschwisterlicher Tweet aus Kairo“, Vatican News, 5.3. 2021)

Seinerzeit kam es sogar zu schriftlichen Ergebnissen:
„Papst Franziskus und Großimam Ahmad Mohammad Al-Tayyeb haben am Montag in Abu Dhabi eine historische gemeinsame Erklärung zum Thema »Menschliche Brüderlichkeit« unterzeichnet. Einige Auszüge aus dem Dokument“ finden sich hier.

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Alles in allem eine schwierige Aufgabe – mit den Mitteln des Glaubens seine unerwünschten Praktiken zu bekämpfen:

„Der Gegenstand des Mohammedanismus ist rein intellektuell, kein Bild, keine Vorstellung von Allah wird geduldet: Mohammed ist Prophet, aber Mensch und über des Menschen Schwächen nicht erhaben. Die Grundzüge des Mohammedanismus enthalten dies, dass in der Wirklichkeit nichts fest werden kann, sondern dass alles tätig, lebendig in die unendliche Weite der Welt geht, so dass die Verehrung des Einen das einzige Band bleibt, welches alles verbinden soll.
In dieser Weite, in dieser Macht verschwinden alle Schranken, aller National- und Kastenunterschied; kein Stamm, kein politisches Recht der Geburt und des Besitzes hat einen Wert, sondern der Mensch nur als Glaubender. Den Einen anzubeten, an ihn zu glauben, zu fasten, das leibliche Gefühl der Besonderheit abzutun, Almosen zu geben, das heißt, sich des partikularen Besitzes zu entschlagen: das sind die einfachen Gebote; das höchste Verdienst aber ist, für den Glauben zu sterben, und wer in der Schlacht dafür umkommt, ist des Paradieses gewiss.“

(G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Der Mohammedanismus)

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*1 Besonders geschadet hat der Popularität des Papstes das Bündnis mit dem Opus Dei, das sich unter Wojtyla im Vatikan breitgemacht hat und unter Ratzinger weiter in seiner Machtposition bestärkt wurde. Ähnlich wie mit den Wahhabiten im Islam stößt eine solche radikale, alle Gesellschaftskritik bekämpfende Inquisitions-Truppe pragmatischere oder kritische Gläubige ab, und führt dadurch zu Mitgliederschwund.

*2 Der Außenminister Saddam Husseins, Tarik Aziz, entstammte z.B. einer chaldäischen Familie.

 

März 2021, anläßlich des Besuches von Papst Franziskus im Irak

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