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CHILE IM JAHR 94 (1)
Einleitung: Die sogenannte 3. Welt heute weder Gegenstand linker noch sonstiger Kritik Über das Getöse um die diversen Sorgenkinder
der Neuen Weltordnung, die unbedingt mit Militäreinsatz betreut werden
müssen, ist das, was in den alten Hinterhöfen des Imperialismus
der Normalfall ist, ziemlich uninteressant geworden. Während
früher Armut und Elend und die rauhen Umgangsformen der Regierungen
mit dem eigenen Volk, die in diversen Weltgegenden der südlichen
Hemisphäre anzutreffen sind, des öfteren Anlaß zu Kritik
waren, macht sich heute eine gewisse Abgeklärtheit gegenüber
diesen Phänomenen breit: Bei diesen Staaten seien irgendwann die
Weichen falsch gestellt worden, sie seien nicht unter-, sondern eigentlich
überentwickelt worden. Auch eine interessante Entwicklung: Früher
wurde behauptet, die Investitionen amerikanischer, europäischer und
japanischer Firmen in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas und
die in Form von Entwicklungs- und Militärhilfe sowie Krediten dorthin
gepumpten Gelder dienten dem hehren Ziel, diese Nationalökonomien
auf den Stand der imperialistischen Nationen zu heben. Das war eine Lüge:
Diese (Sub-)Kontinente sind nämlich genauso entwickelt, wie das internationale
Kapital sie braucht: Als Lieferanten von Agrarprodukten, Rohstoffen und
als Betreiber von Industrie, die zu umweltschädlich ist, um in den
Heimatländern des Kapitals zugelassen zu werden. Heute wird mit der
gleichen Unverfrorenheit behauptet, die solchermaßen hochgezogenen
Wirtschaftszweige, die der Bevölkerung dieser Länder mehrheitlich
nichts gebracht, von denen aber nicht einmal die dortigen Staaten viel
gehabt haben außer einem Haufen Schulden, an denen sie fest weiter
zahlen diese Plantagen, Bergwerke und Straßen zum Abtransport
der Produkte seien eine von den damit Beglückten schlecht genutzte
Wohltat gewesen, mit der sie nicht nur nichts anzufangen verstanden hätten,
sondern die sie nur zu ihrem Schaden verwendet hätten. Weil sie die
großzügig zur Verfügung gestellten Mittel falsch eingesetzt
hätten, seien sie heute überschuldet. Und zwar deshalb, weil
die Politiker dort alle korrupt sind und die armen Leute einfach zu viele
Kinder machen. In ihren verzopften Sitten sind sie überhaupt unbelehrbar:
Stammesrivalitäten, Machismo, religiöser Fanatismus usw. verbauen
den Weg zu irgendwelchen Verbesserungen. Folgerung: Die Empfänger
der Entwicklungs- und anderer Hilfen sind verantwortlich dafür,
daß sie diese edlen Spenden verkehrt verwendet hätten. Die
Geber, die mit diesen Krediten und Subventionen diese Ökonomien
gerade für die Bedürfnisse der Industrieländer genauso
zugerichtet haben, wie sie jetzt aussehen, sind in dieser Betrachtungsweise
die Gefoppten, die von ihren Schützlingen übers Ohr gehauen
worden sind.
1. Chile ein Exempel für
den Antikommunismus In Chile ist einmal das Experiment des friedlichen
Überganges zum Sozialismus unternommen worden und dieses Experiment
ist angeblich gescheitert. Damit hatte Chile als Modell- und
Vorbildland einer europäischen Linken, die sich gern an auswärtigen
Kämpfen begeisterte, weil sie daheim nicht groß Anlaß
zur Kritik fand, ausgedient. Die Dritt-Welt-Fans wandten sich anderen
Hoffnungsträgern zu. (Später ereilte auch Kuba, Nicaragua und
andere Länder dieses Schicksal.) Inzwischen ist diese Mode, in den
Armenhäusern des Imperialismus Belege für die Berechtigung von
sozialkritischen Tönen zu suchen, überhaupt ausgestorben. Systemkritik
ist sowieso out, also kann man sich folgerichtig auch Beispiele
für ihre Berechtigung sparen. Wie im Gesetz 13.196 festgelegt, muß die CODELCO für das erste Trimester dieses Jahres die Summe von 93,4 Millionen $ an die Streitkräfte abführen. Das entspricht 10% ihrer Verkaufseinnahmen. (2) Eine weitere Devisenquelle hat sich Chile durch Erzeugung
und Export von Waffen erschlossen. Das hat den großen Freund des
chilenischen Volkes, die USA, ein wenig geärgert, weil Chile erstens
weniger von dem Amis kauft und ihnen zweitens damit in der dortigen Region
Konkurrenz macht. Die Verstimmung hat sich allerdings in Grenzen gehalten.
Schließlich ist klar, daß diese Waffen aus chilenischer Erzeugung
in keine falschen Hände geraten und der Stabilisierung der Regierungen
Südamerikas genauso dienen wie die amerikanischen.
2. Das Verhältnis von Kapital
und Arbeit in Chile Lohndrückerei war von Anfang an ein erklärtes
Ziel der Militärregierung niedrige Löhne sind eine Grundvoraussetzung
dafür, Investoren in ein Land wie Chile zu locken. Bis voriges Jahr
wurden die Mindestlöhne von Unternehmervereinigung, Gewerkschaftsverband
und Regierung gemeinsam festgelegt. Letztere wollte dabei unbedingt mitreden
sie traute offenbar den Unternehmern zu, sie würden sich von
den Arbeitervertretern zu überhöhten Löhnen erpressen lassen,
die dem Image Chiles schaden könnten. Inzwischen scheint dieser Vorbehalt
aufgegeben worden zu sein. Es ist der Markt, der 1 Million 700.000 zusätzliche Arbeitsplätze in den letzten 10 Jahren geschaffen hat. Dadurch ist der Anteil der Arbeiter am Nationaleinkommen von 43% auf 49% gestiegen. Der Mindestlohn, den mehr als eine halbe Million verdient, beträgt 100.000 Pesos im Monat, das entspricht ca. 2.500 Schilling. In der Industrie betragen die Löhne im Schnitt um die Hälfte mehr, also 150.000 Pesos. Daß man davon in Chile nicht leben kann, gibt auch Lizara zu: Es wird ja auch immer gesagt, daß der Mindestlohn nicht zum Erhalt einer Familie vorgesehen ist, weil in Chile mehr als zwei Personen pro Familie arbeiten. Kinderarbeit ist also in Chile selbstverständlich
und wird bei Lohnverhandlungen auch gleich miteinberechnet. Die strengen Arbeitsgesetze sind es, die die Arbeitslosigkeit erhöhen. Dem übrigens christdemokratischen Gewerkschaftsführer Manuel Bustos, der bei einer Demonstration im Juli Arbeitsschutzgesetze und Kollektivverträge gefordert hat, bedeutet er unverhohlen, er möge sich vorsehen: Bustos hat ehrenwerte Absichten, in diesem Falle jedoch macht er eine Front gegen die Unternehmer auf, die zu nichts Gutem führen wird. Es ist unakzeptabel, in einem Land wie diesem zu einem Marsch gegen die Unternehmer aufzurufen. Es ist eine Schande für das Land. Es wäre eine Monstrosität, die Löhne für ganz Chile kollektiv auszuhandeln. Eine untragbare Sache für den Herrn Unternehmer sind die von dem Gewerkschaftsverband trotz alledem durchgesetzten Abfindungen. Sie liefern den Unternehmer den eigennützigen Berechnungen seines Arbeitsviehs aus: Warum muß der Betrieb den Arbeiter abfinden? Er hat ihm doch nichts getan. Im Gegenteil, er hat ihn in Arbeit gesetzt. Heute, wo die Abfindung einen Monatslohn pro geleistetem Arbeitsjahr beträgt, macht ein Arbeiter nach 5 Jahren alles, um nur entlassen zu werden. Dann nimmt er im Betrieb gegenüber sofort wieder eine Arbeit an. Das erlebe ich als Unternehmer immer wieder. Die 500.000 Pesos (12.500 S) legen sie auf die hohe Kante, oder sie reparieren etwas in ihrem Haus oder machen weiß Gott was mit dem Geld. (3) Ein Arbeiter mit 5 Monats(mindest)löhnen in der Tasche eine Gefahr für die freie Kalkulation der Unternehmer. Nur solche, denen bei Nichtannehmen einer Arbeit gleich der Hungertod droht, sind dem Vertreter des Kapitals recht. Wer eine solche Sprache führt wie Pedro Lizara, ist sich seiner Sache sicher. Er weiß, daß die Regierung weiterhin dafür sorgen wird, die lohnabhängige Bevölkerung billig und willig zu erhalten. Es genügt, den der Regierungspartei angehörenden Gewerkschaftsführer der übrigens auf besagter Demonstration von seinem Fußvolk wegen seiner offensichtlichen Packelei mit der Regierung ausgepfiffen wurde klassenkämpferischerer Umtriebe zu bezichtigen, um diesen nachdenklich werden zu lassen. Vor nicht allzu langer Zeit war das ein Todesurteil für den Betroffenen. Auch heute könnte ein solcher Verdacht zumindest seiner Gesundheit sehr abträglich sein. Ein guter Teil der Chilenen lebt in Elendsvierteln ohne Kanalisation oder Fließwasser. Zugegeben, verglichen mit Brasilien oder Mexico City sehen die alle noch ganz gut aus. Das kann man als Anlaß zur Freude nehmen, wenn einem danach ist. Die lokalen Behörden tun sich schwer, für diese Bezirke ärztliche Versorgung zu organisieren, weil kein Mensch mit irgendeiner Art von Ausbildung sich in einem solchen Viertel niederlassen will. Der unaufhaltsame Fortschritt in Chile äußert sich darin, daß jetzt mehr Bewohner dieser Poblaciones ein Arbeitsverhältnis haben, ohne daß sich dadurch ihre Einkommenslage und damit der Zustand dieser Viertel wesentlich gebessert hätte. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist eben etwas anderes als Wohlstand für alle. Mehr Arbeit heißt nicht: mehr Lohn. Eine Verwechslung, der in Chile selbst übrigens kaum jemand aufgesessen ist.
3. Wirtschaftspolitik. Chile als Markt für Konsumgüter und Objekt von Spekulation Das Lohnniveau und die Außenhandelsverträge
der chilenischen Regierung bestimmen das Konsumverhalten der Chilenen.
Am Beispiel der Schuhe: Die chilenische Schuhindustrie ist laut Zeitungsmeldungen
durch Importe angeblich Billigimporte aus dem südostasiatischen
Raum mehr oder weniger ruiniert worden. Billig mögen
diese Schuhe im Vergleich zu den heimischen gewesen sein, für den
Konsumenten sind sie eine ziemliche Investition. Die Vermutung liegt nahe,
daß die Genehmigung dieser Schuhimporte die Gegenleistung für
die Importgenehmigung chilenischer Waren in die betreffenden Länder
war. Ein Artikel, dessen Absatz gesichert ist Schuhe braucht jeder
wird also aus dem Ausland eingeführt, obwohl er vorher im
Inland hergestellt worden ist. Der Grund dafür ist nicht die vergleichsweise
größere Billigkeit der importierten Waren, sondern der Umstand,
daß sich hier Staaten, von denen Chile abhängig ist, einen
Markt gesichert haben. Als Ergänzung zu dem Warenangebot gibt es
an jeder zweiten Ecke einen Flickschuster, der davon kündet, daß
Schuhe für den Durchschnitts-Chilenen eine nicht alltägliche
Erwerbung sind und daher möglichst lange am Leben erhalten werden
wollen. So wird die unproduktivere Wirtschaftsform, die unter dem irreführenden
Namen Unterentwicklung bekannt ist, nicht nur aufrechterhalten,
sondern in diesem Fall überhaupt erst geschaffen: Statt industrieller
Fertigung Handarbeit, statt Produktion für den eigenen Markt Import
aus den Mutterländern des Kapitals. Die USA sind nicht nur der beste Freund, sondern auch
der größte Handelspartner Chiles. Um einander noch näherzukommen,
möchte Chile gerne der NAFTA beitreten. Auf das Angebot, der vom
Präsidenten Argentiniens angeregten Freihandelszone MERCOSUR
zwischen Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay beizutreten,
reagiert Chile vergleichsweise kühl: Nach einigem Hin und Her ist
der Präsident des Landes doch zu dem Treffen angereist, ganz verderben
will man sichs auch nicht, sind doch Brasilien und Argentinien auch wichtige
Handelspartner Chiles. Aber die Botschaft, daß dieses Land nicht
auf dergleichen Partner angewiesen ist, ist dabei doch offensichtlich
gewesen: Chile hält sich für etwas Besseres als andere lateinamerikanische
Staaten. Zu Unrecht: Genauso wie beim Nachbarn nebenan werden die Geschäfte
in Chile von Einheimischen und Ausländern gemacht, die ihre Gewinne
vornehmlich im Ausland anlegen, für deren Kapital Chile eine Durchgangs-,
aber keine Endstation darstellt. Der Staat schaut dabei durch die Finger,
kann sich an seiner Ökonomie nicht bedienen, weil seine Kreditschöpfung,
also sein Staatskredit, gar nicht seinem eigenen Ermessen obliegt und
seine Deviseneinnahmen schon von vornherein an die Gläubiger, ausländische
Banken und internationale Kreditinstitutionen, verpfändet sind. Chile
hat keine Währung, die außerhalb der eigenen Landesgrenzen
nachgefragt wird, kann sich also nicht frei verschulden wie die BRD oder
die USA, die damit rechnen können, daß ihre Geldscheine auf
der ganzen Welt Käufer finden. Nicht nur dem Umfang nach, auch der
Einsetzbarkeit nach ist der chilenische Staatskredit sehr eingeschränkt:
Außer für Polizistengehälter, Präsidentenpensionen
und ähnliches, was sich innerhalb der Landesgrenzen abspielt, läßt
sich der Peso kaum brauchen. Dafür ist er allerdings sehr
wichtig, und deshalb wachen IWF und Weltbank auch darüber, daß
dieses Geld in seiner Nützlichkeit für die Aufrechterhaltung
des Standortes und Marktes Chile erhalten bleibt. Von denen, die darauf
angewiesen sind, soll er angenommen werden, für die Unternehmer soll
er halbwegs stabil sein, damit sie damit kalkulieren können. Russische
Zustände, eine sogenannte galoppierende Inflation schrecken
Investoren ab, auch wenn die Arbeiter noch so billig sind. Während
es für den Staat unentbehrliche Ausgaben gibt, sind seine Einnahmen
keineswegs gesichert: Auch seine Steuerhoheit gerät sofort in Widerspruch
mit der Absicht, Kapital mit günstigen Bedingungen ins Land zu locken,
ebenso mit der Notwendigkeit, den Export der eigenen Produkte zu fördern,
notfalls auch mit Subventionen. Damit sind alle Gründe gegeben, warum
eine Währung wie diejenige Chiles stets einen starken Hang dazu hat,
inflationär zu sein, gleichzeitig gerade dieser Hang mit allen Mitteln
bekämpft werden muß. Heute, nachdem dieses Programm bereits seit 10 Jahren läuft, verfügt das System (der Fonds) über 19.220 Millionen $, eine Summe, die die Sparrate Chiles in die Nähe derer der asiatischen Nationen rückt. Diese Form der Pensionsvorsorge nennt einer der chilenischen Zuständigen den Arbeitern das Vorsorgesystem zurückgeben. Nordamerikanische Analysten sehen das ganze etwas nüchterner: Die autoritäre Macht der Ex-Militärregierung spielte eine entscheidende Rolle bei der Akkumulation des enormen Haushaltsüberschusses, der für den Start dieses Planes notwendig war, ebenso dafür, die Arbeiter zu der Teilnahme daran zu verpflichten. (4) Die Gewalt und der Staatskredit Chiles sind also auch hier Pate gestanden, um dem internationalen Finanzkapital auf diesem emerging market eine Spielwiese zu verschaffen. Sogar die CA spekuliert dort. Dieser Boom hält natürlich nur so lange an, als die Wall Street und verwandte Körperschaften Chile vertrauen, und das tun sie nur so lange, als sie dort Gewinne machen. Soviel nur gegen die Vorstellung, diese Spekulation würde sich irgendwie für Chile zu Buche schlagen.
4. Außenpolitik und Grenzfragen Mit seinen Nachbarn unterhält Chile ein gespanntes
bis schlechtes Verhältnis. Mit Bolivien gibt es seit einem von letzterem
verlorenen Krieg im vorigen Jahrhundert keine diplomatischen Beziehungen.
Den erst vor einigen Jahren geschlossenen Vertrag mit Peru zur Anerkennung
der gemeinsamen Grenze hat Chile, was seine dabei übernommenen Verpflichtungen
betrifft, nie in Kraft gesetzt. Mit Argentinien wurde gerade ein solcher
Vertrag unterzeichnet, was von einem Großteil des chilenischen Militärs
scharf angegriffen worden ist. Vor allem die Anerkennung von Territorialansprüchen
Argentiniens in einer Zone, die bezeichnenderweise Wüstensee
heißt und wo sich nicht einmal Fuchs und Hase Gute Nacht sagen,
hat den Unmut der Patrioten hervorgerufen. Chile beansprucht den gleichen
Zipfel der Antarktis wie Argentinien und unterhält zur Untermauerung
dieses Anspruches dort eine Base.
5. Die politische Moral in Chile Die heutige demokratische Regierung arbeitet sich an
einer Art Vergangenheitsbewältigung ab, ist dabei aber gleichzeitig
von dem Bewußtsein erfüllt, daß diese nicht zu weit gehen
darf. Ein zur Rechenschaft-Ziehen der ehemaligen Folterknechte und Mörder,
womöglich sogar ihrer Auftraggeber ist nicht gestattet. Die Betroffenen
sollen sich damit zufriedengeben, daß sie wenigstens darüber
reden dürfen. Die Angehörigen vieler Verschwundener
ermordeter Verhafteter, deren Leichen nie aufgefunden wurden
bestürmen die Gerichte, um wenigstens die sterblichen Überreste
der Opfer ausgehändigt zu bekommen. Bei manchen ist der Ort, wo sie
eingegraben wurden, sogar bekannt, aber die Armee beruft sich darauf,
daß es sich dabei um militärisches Sperrgebiet handelt, zu
dem Zivilen unter keinerlei Umständen Zugang gewährt werden
kann. Gleichzeitig wurde einer der wichtigsten Männer der Putschisten-Junta
von 1973 und der erste von ihnen, der ins Gras gebissen hat, Carvajal,
mit allem Pomp zu Grabe getragen. Pinochet hat Anfang Juli dieses Jahres
dem amerikanischen Sender CNN ein Interview gegeben, in dem er gefragt
wurde, was er dazu sage, daß in seiner Regierungszeit 2.000 politische
Häftlinge verschwunden seien. Der Oberbefehlshaber des Heeres hat
geantwortet, bei einer Bevölkerung von 12 Millionen sei das doch
nicht viel. Auf die Frage, ob er seine Position nicht als eine Gefährdung
der Demokratie in Chile ansehe, hat Pinochet ehrlich erstaunt gemeint,
nein, keineswegs, warum sollte er das sein? Die zivilen Politiker Chiles geben auch bei jeder Gelegenheit zu Protokoll, daß sie keineswegs den Irrungen der Volksfrontregierung erliegen. Der Senatspräsident Gabriel Valdés, der nicht versäumt, zu betonen, daß er selbst unter der Militärregierung verfolgt worden war und sogar zweimal im Häfn gesessen ist, hat für die Allende-Regierung kein freundliches Wort übrig: Die extreme Linke hat ungeheures Unheil über Lateinamerika gebracht. Sie ist für die Diktaturen Uruguays, Argentiniens und Chiles verantwortlich. Wenn Allende auch ein wirklicher Demokrat war, so ließ er sich doch von den extremistischen Castro-Anhängern zu schweren Irrtümern in der Führung des Landes verleiten. Diese wollten alles umstürzen. Bis zu dem Moment, in dem die Militärs Schluß sagten. Und damals stand das ganze Land hinter ihnen. Die Resultate sind bekannt. Wir wollen heute eine Rückkehr zur Demokratie ohne Rache und ohne Gewalt. (5) Ein netter Kunstgriff, die Opfer der Repression zu den
eigentlichen Tätern zu erklären, auf die das Militär nur
quasi als Sachzwang reagiert hätte. Damit sind die Toten noch
einmal ins Unrecht gesetzt, die Militärs erhalten eine Generalabsolution:
Sie waren eigentlich die echten Vertreter des Volkes, während die
anderen sich diese Rolle nur angemaßt hätten. Daß dort,
wo gehobelt wird, auch Späne fliegen, versteht Señor Valdés
selbstverständlich, wobei er vermutlich unter den Spänen
die Tasache versteht, daß sogar ein aufrechter Demokrat wie er verfolgt
worden ist. _____________________________________________________ Fußnoten: (1) Alle nicht ausdrücklich nachgewiesenen Daten und Informationen in diesem Artikel stammen aus den chilenischen Tageszeitungen El Mercurio, La Epoca und aus dem chilenischen Fernsehen im Monat Juli 94. (3) Alle Zitate aus: La Epoca, 17. 7. 1994 (4) Alle Zitate zum Pensionssystem: Matt Moffett, Redakteur des Wall Street Journal, in: La Nación (Argentinische Tageszeitung), 22. 8. 1994
(Erschienen in: FORVM, Dezember 1994) |