Der Ausgangspunkt dieser Überlegungen war eine Debatte unter Ökonomen, wo behauptet wurde, Marx hätte „keine Theorie des Geldes“ erarbeitet, sondern lediglich eine Theorie der Ausbeutung.
Auf meinen Einwand, daß das unrichtig sei, wurde mir entgegnet, daß sogar jemand, der ein ausgewiesener Marx-Kenner sei, wie David Harvey, das auch behauptet hätten.
Man kann diesem Einwand unschwer entnehmen, daß die Person, die diese Behauptung aufgestellt hat, von Marx nicht sehr viel gelesen hat.
Das ist aber leider sehr üblich.

Diese Behauptung über die angeblich nicht vorhandene Geldtheorie wird allerdings dadurch gestützt, daß auch die Anhänger von Marx, die bekennenden Marxisten, zu seinen Ausführungen über das Geld im allgemeinen nicht viel Lesenswertes hervorgebracht haben.

Ich habe daher diese Diskussion zum Anlaß genommen, die Positionen von Marx und Silvio Gesell, dem von meinem Kontrahenten zugestanden wird, eine Geldtheorie in die Welt gesetzt zu haben, gegenüberzustellen.

 

MARX, GESELL UND DEREN GANZE JÜNGERSCHAR
oder:
DAS GELD UND DIE DAMIT VERBUNDENEN IDEEN

 

Vorbemerkung: Einige methodische Überlegungen zur Aussage „Theorie von ...“

Erstens beruht die Aussage der fehlenden Geldtheorie auf Sekundärliteratur. Das ist schon an und für sich kritikabel. Wenn man zu den Gedanken eines Theoretikers Stellung bezieht, so sollte man sich mit ihnen direkt auseinandergesetzt haben. Die Sekundärliteratur ist nämlich immer eine das Original verfälschende Interpretation.
Es hat darüber hinaus bei all den Referenz-Theoretikern seine Gründe, warum sich diese auf diese Art und Weise abputzen. Es mißfällt ihnen nämlich, was Marx zum Geld zu sagen hat.

Gesell hat dergleichen übrigens nicht behauptet. Ihm gefiel es auch nicht, was Marx zum Geld geschrieben hat. Er wendete sich gegen die Arbeitswertlehre und überhaupt gegen Theorien, die einen Wert des Geldes behaupten. Das ist immerhin eine intellektuell redlichere Vorgangsweise, als zu behaupten, da sei nix da und die Theorie einfach zu ignorieren.

Zweitens ist es irreführend oder verkürzend, zu sagen, es gäbe von Marx oder irgendjemandem anderen „(k)eine Geldtheorie“. Theorien, wo Geld Gegenstand der Überlegungen ist, gibt es vermutlich einige, auch wenn sie nicht explizit als solche ausgewiesen sind, sondern nur ein Moment der ökonomischen Überlegungen des Autors ausmachen.
Auch das in besagter Debatte ebenfalls erwähnte Buch HilferdingsDas Finanzkapital“ ist keine „Geldtheorie“, sondern enthält Theorien über Geld, Kredit, Finanzkapital und die gesamte Ökonomie, auf der sie aufbauen.
Im Folgenden werde ich der Einfachheit halber dennoch von den Theorien der beiden schreiben, weil es gebräuchlich und auch nicht falsch ist, die Gedankengebäude von jemanden als Theorie zu bezeichnen. Es soll nur angemerkt werden, daß sich die Schriften von beiden nicht auf eine „Theorie des“ reduzieren lassen.

Es ist ebenfalls verkehrt, zu behaupten, Marx hätte eine „Theorie der Ausbeutung“ entwickelt. Er hat eine Analyse des Kapitals vorgenommen, da gehört das Geld, die Ware, die Ausbeutung, der Markt usw. dazu, aber keines dieser Elemente hat bei ihm die außerordentliche Wichtigkeit, die ihm später in der Nachwelt zugekommen ist – unter Hintanstellung seiner sonstigen Analysen.

In den beiden Aussagen über Marx – er hätte keine Theorie des Geldes, aber eine der Ausbeutung – ist somit ein seltsames Verhältnis zu und Verständnis von „Theorie“ am Werk. Wenn jemand über einen Gegenstand etwas aussagt, so macht er darüber Theorie – ganz gleich, ob sie jetzt falsch ist oder richtig. Es ist auf jeden Fall Theorie und als solche ist sie anzuerkennen. Dann steht eben die Prüfung an, ob sie etwas taugt oder nicht.
Demgegenüber ist es sehr bequem, jemanden auf einen bestimmten Gegenstand festzunageln und ihm die die Kompetenz auf anderen Gebieten abzusprechen. Es wird damit ja auch nicht gesagt, daß die Ausführungen von Marx über unbezahlte Mehrarbeit, Mehrwert usw. richtig oder falsch seien. Es wird als eine Art Spleen von Marx abgehandelt, dergleichen behauptet zu haben.
Ähnlich schleißig geht es übrigens auch bei anderen ökonomischen Theoretikern zu. Weder werden ihre Aussagen ernst genommen, in dem Sinne, daß sie einer Prüfung unterzogen werden, noch werden sie als Gegen-These zu anderen Theorien ernst genommen.

So ist es meiner Ansicht nach auch irreführend, die Vertreter der „subjektiven Wertlehre“ als „Neoklassiker“ zu bezeichnen. Sie wenden sich doch gegen die sogenannte Arbeitswertlehre der Klassiker, sind also „Anti“-Klassiker. Da wäre es doch angebracht, einmal nachzuschauen, wie kommen die einen auf ihre Theorie, die anderen auf ihre, und wer hat recht? Oder liegen beide falsch?
Mit der Bezeichnung „Neoklassiker“ wird ohne Begründung eingeführt, daß deren Lehren jetzt Gültigkeit haben und die früheren Klassiker (Smith, Ricardo, Say, Marx) inzwischen in die Mottenkiste gehören. Sie sind sozusagen die „Krypto“klassiker.

Diese paar methodischen Ausführungen an den Anfang gestellt, jetzt zum eigentlichen Gegenstand, dem Geld, wie es bei Marx im Kapital besprochen wird.
 

I. Marx

I. 1. Ware & Geld. Die Wertformen

1. Waren haben nach dem, was Marx im Kapital, I. Band, I. Abschnitt („Ware und Geld“) darlegt, 2 Seiten: Einen Gebrauchswert und einen Tauschwert (Preis*(1)). Es ist nichts Selbstverständliches, daß nützliche Dinge, Arbeitsprodukte einen Preiszettel drauf kleben haben. Das ist ein Ergebnis unserer Wirtschaftsordnung, bei der es um Gewinn, um Profit geht.
Die Waren und das Geld sind ein zentrales Moment dieser kapitalistischen Wirtschaft, und nicht ein Teil von „Wirtschaft“ überhaupt.

Wirtschaft im allgemeinen Sinn ist nur das System von Produktion, Distribution und Konsum, das in allen Gesellschaften existiert hat, auch wenn weder Geld noch Gewinn noch Kapital im Spiel waren.

Die Waren kriegen ihren Preis auf dem Markt. Ohne Markt und Tausch kein Preis. Will man Sachen herstellen, und sie jemandem geben, der sie braucht, so ist Geld dafür völlig überflüssig.
Will man aber für seine Produkte etwas erhalten, also eintauschen, so braucht man den Markt. Um so mehr, wenn man dafür mehr kriegen kann, als man selber darin investiert hat, sei es Rohstoffe oder Arbeit.

Auf dem Markt treffen die Waren aufeinander und messen sich aneinander. Das heißt, am Anfang tauschen sich die Waren sehr willkürlich – es entsteht das, was Marx die „allgemeine Wertform“ nennt: x Tische werden gehandelt gegen y Leinwand gegen z Schuhe usw. Das Verhältnis, in dem sich diese Waren austauschen, kann sich jeden Tag ändern, abhängig von Zufuhr und Abgang der verschiedenen Gegenstände.
Jede Ware kann auf dieser Stufe des Austausches ihren Wert und Preis nur in der anderen Ware ausdrücken. Die Menge derjenigen anderen Artikel, die man für den/die eigenen erhält, ist also ihr Wert bzw. Preis.

Trifft Warenbesitzer A auf Warenbesitzer B mitten in der Pampa, so ist es natürlich völlig beliebig, in welchem Verhältnis sie ihre Waren austauschen. Sie sind aber kein Markt. Auf einem Markt treffen viele Warenbesitzer aufeinander, und es bilden sich fixe Austauschverhältnisse für gleichartige Waren heraus.


I. 2. Das allgemeine Äquivalent

Der Tausch hat aber auf dieser Entwicklungsstufe – wo also bereits ein Markt besteht – vom Standpunkt des Warenbesitzers immer den Mangel, daß der Wert seiner Ware, sobald er sie eintauscht, wieder in einem anderen konkreten Gegenstand liegt. Er muß sich also, will er das Austauschverhältnis weiter fortsetzen, sich als professioneller Händler betätigen, wieder jemanden finden, der ihm diesen Gegenstand gegen einen anderen eintauscht, weil er diesen speziellen Artikel gerade brauchen kann.
Erstens einmal ist sein Reichtum also an bestimmte Waren gebunden.
Zweitens kann er dadurch den Preis oder Wert nicht bestimmen, weil sich dieser ja immer nur in anderen Gegenständen ausdrückt, er also nie genau weiß, was sein Warenlager eigentlich wert ist, und wo er was und wieviel davon dafür kriegen kann.

Vom Standpunkt des Marktes oder des professionellen Handels ist also der Tausch immer unvollständig, solange sich nicht eine Ware als Wertbestimmung für alle anderen herausbildet – als der Wertgeber, von dem sich die anderen Waren einstufen lassen müssen, was sie eigentlich wert sind.
So entsteht aus dem Interesse der Warenbesitzer, die sich auf dem Markt austauschen, das Bedürfnis nach einer einzigen universellen Ware, an der sich die anderen messen und die aufgrund ihres universellen Charakters immer eintauschbar ist. Diese Ware im Warenlager zu haben, bedeutet, sie jederzeit gegen beliebige andere Waren eintauschen zu können – z.B. gegen solche, die gerade besonders nachgefragt sind, wodurch sich ihr Wert steigert.

Diese wertverleihende, taxierende Ware, die Marx das allgemeine Äquivalent nennt, hätte natürlich jeder gerne, weil diese Ware ihm eine einzigartige Macht über alle anderen Waren und Marktteilnehmer gibt. Daher würde jeder Händler versuchen, sich dieser Ware zu bemächtigen und sie den anderen zu entziehen.

Es ist daher begreiflich, daß dieses allgemeine Äquivalent einerseits von allen Händlern auf dem Markt ersehnt wird. Jeder hätte gerne eine Referenz- und Maß-Ware.
Andererseits ist ebenso klar, daß sie nicht von einem Marktteilnehmer, einem Warenbesitzer, eingeführt werden kann, sondern daß es einer äußeren Macht bedarf, die diese eine Ware sozusagen zur Königin des Warensortiments krönen kann, die über die anderen bestimmt.

EXKURS 1

Es gab im 14. und 15. Jahrhundert Bestrebungen, den Safran zum allgemeinen Äquivalent zu machen, nachdem er sich als eines der wenigen Heilmittel bei der Bekämpfung der Pest erwiesen hatte. Außerdem war er ein Gewürz, das aus Europa stammte und in Europa wuchs, wodurch seine Beschaffung nicht durch Kriegshandlungen im Orient gefährdet war. Nürnberg und Basel verdanken ihren Aufstieg als Handelsstädte dem Safran, auch Venedig nahm mit dem Safranhandel einen bedeutenden Aufschwung.
Man glaubt gar nicht, wo in dieser Zeit überall Safran angebaut wurde, in ganz Mitteleuropa, auch in England.*(2) Der Adel versuchte den Handelsleuten ihr Monopol zu bestreiten, indem er versuchte, ihn selbst anzubauen. Es scheiterte aber erstens daran, daß gar nicht genug Anbauflächen zur Verfügung standen, und die unter den Bedingungen der Leibeigenschaft auch nicht einfach geschaffen werden konnten.
Dann veränderten die Entdeckungen das Warenangebot. Erst rückte die Entdeckung des Seewegs nach Indien andere Gewürze aus dem fernen Osten in den Vordergrund, die sich aufgrund des neuen Transportweges verbilligten, während der Safran bis heute ein sehr teures Gewürz blieb.
Schließlich entschied die Entdeckung der Neuen Welt die Frage, was als Allgemeines Äquivalent zu gelten habe, die Frage zugunsten der Edelmetalle, die in enormen Mengen über Spanien nach Europa kamen.
Die europäischen Gold- und Silberbergwerke wurden dadurch einerseits ein Stück weit entwertet, weil ihre Ausbeute weniger wert war als vor der Goldschwemme, also weniger Waren bzw. Söldner damit gekauft werden konnten.
Andererseits wurden sie aufgewertet, weil eben klar war, daß in ihren Tiefen universelle Zahlungsmittel schlummerten.

Nota bene: Das allgemeine Äquivalent ist nicht mit Geld gleichzusetzen. Es ist eine Vorbedingung für die Entstehung von Geld. Dieses muß aber noch einige andere Funktionen erfüllen.

So, das allgemeine Äquivalent ist da: Eine Ware steht allen anderen gegenüber und bewertet sie. Das ist die Grundlage dessen, was Marx den Waren- und Geldfetisch nennt: Der Irrglaube, der Tauschwert käme den Gegenständen selbst zu und der Wert hätte eine eigenständige, sozusagen natürliche Existenz, obwohl er nur ein Ergebnis gesellschaftlicher Eigentums- und Austauschverhältnisse ist.

„Bisher hat noch kein Chemiker Tauschwert in Perle oder Diamant entdeckt. Die ökonomischen Entdecker dieser chemischen Substanz, die besondren Anspruch auf kritische Tiefe machen, finden aber, daß der Gebrauchswert der Sachen unabhängig von ihren sachlichen Eigenschaften (ist), dagegen ihr Wert ihnen als Sachen zukommt. Was sie hierin bestätigt, ist der sonderbare Umstand, daß der Gebrauchswert der Dinge sich für den Menschen ohne Austausch realisiert, also im unmittelbaren Verhältnis zwischen Ding und Mensch, ihr Wert umgekehrt nur im Austausch, d.h. in einem gesellschaftlichen Prozeß.“ (Kapital I, Kap. 1, 4., S. 98)


Zwischenfazit

Bevor es weitergeht bis zum eigentlichen Geld, läßt sich nach dem Bisherigen festhalten: Marx hat keine hohe Meinung von Geld und Tausch. Er ist nicht der Ansicht, zum Unterschied zu vielen seiner Anhänger, daß Geld ein ökonomisches Steuerungsmittel sei. Er meint auch nicht, daß es der Menschennatur zukommt, sich austauschen zu wollen.
Wie er im 2. Kapitel („Der Austauschprozeß“) ausführt, bedarf es einer Stellung als Rechtssubjekt und einer Eigentumsordnung, damit Waren überhaupt getauscht werden können: Die Warenbesitzer müssen sich als Eigentümer gegenübertreten und vom Besitz des anderen ausgeschlossen sein, damit der Tauschakt überhaupt erstrebenswert ist.
Warentausch ist also nichts Ursprüngliches oder Einfaches, sondern setzt entwickelte Eigentums-, Macht- und Gewaltverhältnisse voraus.

Hier erkennt man, warum Parteigänger des Geldes und des Tausches diese ganzen theoretischen Erkenntnisse von Marx gerne in einen Panzerschrank einsperren und die Unwahrheit verbreiten, Marx habe zum Geld nichts geschrieben, oder nichts Wesentliches.
Ganz im Gegenteil.
Er hat zu viel hingeschrieben, was ihnen unangenehm ist.

EXKURS 2 – Markt und „Arbeitswertlehre“

Das Unterkapitel über die Wertformen – immerhin fast die Hälfte des 1. Kapitels des I. Bandes des Kapitals, also an sehr prominenter Stelle plaziert – erfreut sich in der marxistischen Theorie eines Aschenbrödeldaseins. Aus ihm kann man nämlich entnehmen, daß der Wert, also auch der Tauschwert/Preis der Waren sich genausogut am Markt als in der Produktion entwickelt. Es bedarf des Tausches, damit Waren einen Wert erhalten.*(3)

Das gefiel schon den Sozialdemokraten nicht, die aus der „Arbeitswertlehre“ ableiteten, daß sie als Partei die Arbeiter und damit die Schöpfer des gesellschaftlichen Reichtums repräsentieren und deshalb ein Recht auf Beteiligung an der Staatsmacht haben. Diesen Rechtsanspruch wollten sie nicht durch die Beteiligung windiger Kaufleute an ihrem Programm und ihrer Partei verwässert sehen.

Noch weniger gefiel es den Politikern der Sowjetunion und den von ihnen herangezüchteten sozialistischen Ökonomen. Sie sahen das Geld als ein Steuerungsmittel an, das ihnen gesellschaftliche Macht und Kommando über die Arbeit sicherte. Daß es da einen Markt geben sollte, war ausgeschlossen, das taten sie mit dem Engels’schen Begriff der „Anarchie in der Produktion“ ab, die der „wissenschaftliche Sozialismus“ überwunden hätte.

Dabei hätte Marx selbst nie behauptet, er würde eine „Arbeitswertlehre“ vertreten. Wie denn auch? Das war damals der gültige Konsens unter Ökonomen: Arbeit schafft Wert! Was denn sonst! Allerdings nicht nur die Arbeit, so würde ich, mit Berufung auf Marx, ergänzen.
Marx sagte über sich, das besondere sei, daß er nachgewiesen habe, welche Arbeit den Wert schafft: Die abstrakte Arbeit nämlich, die sich nach ihrer Qualität nicht mehr unterscheidet und nur in Zeit gemessen und in Geld entlohnt wird. Der Dockarbeiter, der Tischler, der Ingenieur vergleichen sich alle darüber, daß ihre Arbeit ein Mehrfaches der der anderen wert sein mag, aber über diese quantitativ unterschiedliche Bezahlung auch qualitativ gleichgesetzt wird. So ist die Globalisierung möglich, wo sich der ein Obstpflücker in Spanien über sein Gehalt und die Warenströme mit dem Textilarbeiter in Bangladesch vergleichen muß. Die abstrakte Arbeit ist also Voraussetzung der kapitalistischen Konkurrenz, und in ihrer Ausgestaltung dann auch wieder deren Ergebnis.

Marx schrieb einmal für eine sozialdemokratische Zeitung, daß für seine Entwicklung des Begriffes der „abstrakten“ bzw. gesellschaftlich notwendigen Durchschnittsarbeit die Auseinandersetzung mit Proudhon https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre-Joseph_Proudhon sehr wichtig war. Proudhon orientierte sich nämlich – wie auch die anderen Ökonomen seiner Zeit – an der individuellen Arbeit und hielt deshalb die Idee der Tauschbank*(4) für durchführbar. Wenn einer jedoch für die Herstellung eines Gegenstandes doppelt so lange braucht wie ein anderer, wird es nicht möglich sein, am Markt denn doppelten Wert dafür zu kriegen. Im Gegenteil, der Markt und der Tausch teilen ihm mit, daß er zu langsam ist und deswegen in der Konkurrenz untergehen wird.

 

I. 3. Die Funktionen des Geldes

3. 1. Maß der Werte, Maßstab der Preise

Um wirklich als Geld fungieren zu können, muß es eine Reihe von Funktionen erfüllen, die von Marx in 2 Gruppen eingeteilt werden. Die erste ist die, daß es zum Maß der Werte und damit zum Maßstab der Preise wird.

Marx schreibt hierzu:

„Ich setze überall in dieser Schrift, der Vereinfachung halber, Gold als die Geldware voraus.
Die erste Funktion des Goldes besteht darin, der Warenwelt das Material ihres Wertausdrucks zu liefern oder die Warenwerte als gleichnamige Größen, qualitativ gleiche und quantitativ vergleichbare, darzustellen. So funktioniert es als allgemeines Maß der Werte, und nur durch diese Funktion wird Gold, die spezifische Äquivalentware, zunächst Geld.“ (Kapital I, Kap. I, 4., S 109)

Dadurch, daß das allgemeine Äquivalent sich als abgesonderte Ware etabliert hat, wird es zum Maßstab der Preise. Das heißt, alle anderen Waren werden über Quantitäten dieser Geldware miteinander verglichen. Ein paar Schuhe, ein Haus oder ein Auto drückt sich wertmäßig in einer bestimmten Menge Goldes/Geldes aus. Es ist, wenn das Maß der Werte, die Geldware, einmal etabliert ist, gar nicht notwendig, daß sie bei einem Tauschakt auch zugegen ist. Es lassen sich auch Schuhe gegen Hemden direkt austauschen, solange das Geld/Gold als Drittes das Austauschverhältnis vorgibt. Die Käufer/Verkäufer haben einen Maßstab, an dem sie sich orientieren können.
Umgekehrt ist es auch gar nicht nötig, daß ein Austausch stattfindet. Auch wenn die Schuhe in der Auslage stehen und das Haus nicht zum Verkauf ansteht, weiß ihr Besitzer, welchen Wert er damit im Falle eines Verkaufes erlösen, an Land ziehen kann – weil er mit dem Geld dieses Maß der Werte hat, das ihm durch seine Quantität den Wert darstellt.
Diese Funktion des Geldes ist sehr wichtig für die gesamte Produktion und Distribution unter Bedingungen des Tausches und der Geldwirtschaft. Bei jedem Gebrauchswert, der hergestellt wird und jeder Immobilie, die jemandem gehört, kann der Produzent oder Besitzer ermitteln, was er dafür bei ihrem Verkauf erhalten könnte. Damit ist erst der Anreiz gegeben, etwas herzustellen.
Diese Funktion des Geldes ist auch bei der Kreditaufnahme sehr wichtig, weil es die Sicherheiten bestimmt, die für eine verliehene Geldsumme bereitgestellt werden.


3. 2. Zirkulationsmittel als Vermittler des Warentausches

Dadurch, daß es als Maßstab der Preise alle Waren vergleichbar macht, fungiert das Geld als Zirkulationsmittel. Man vergesse nicht, daß die Waren in ihrer Mehrheit als Gebrauchswerte für den Käufer interessant sind: Er braucht sie, will sie konsumieren, essen, anziehen, sich an ihnen erfreuen, – oder mit ihrer Hilfe Geld verdienen oder mit ihnen seinerseits Geschäfte machen. In letzterem Falle hat er ein Geschäfts-, in ersterem ein reines Verbrauchsinteresse.
Das gilt für den Schuh genauso wie für die Gitarre, das Auto oder das Smartphone. Alle diese Gegenstände interessieren wegen ihres Gebrauchswertes, also wegen der Dienste, die sie für den Käufer leisten.
Der Verkäufer hingegen will damit ein Geschäft machen, Geld/Gold einstreifen. Er will das, sofern er Händler ist, deswegen machen, um mit diesem erhaltenen Geld wieder neue Waren einzukaufen, um die dann wieder verkaufen zu können. Er braucht also das Geld/Gold, um wieder neue Einkäufe und dann wieder neue Verkäufe tätigen zu können. Damit sorgt er dafür, daß die von den Endkonsumenten nachgefragten Waren für diese zur Verfügung stehen – sofern diese zahlungsfähig sind, also auch über Geld verfügen.
Der professionelle Verkäufer benötigt deshalb Geld für seine Tätigkeit, und vermittelt damit den Warentausch. Es ist also notwendig, daß er stets genug Geld/Gold zur Verfügung hat, damit er zwischen den Produzenten und den Konsumenten in dem Sinne vermitteln kann, daß er die Waren der ersteren an die letzteren verkaufen kann.
Der Händler ist also der Vermittler des Warentausches, jenseits eines konkreten, örtlich beheimateten Marktes. Dort mögen sich noch Produzenten und Konsumenten unmittelbar austauschen, und das Geld eine geringe Rolle spielen. Aber sobald der Warentausch bestimmte geographische Grenzen überschreitet, wird das Geld zum Schmiermittel, mit Hilfe dessen Produktionen gesteigert und auch auf entferntere Märkte verschoben werden können.

Nationale Währungen, zunächst als Münzgelder, Silber oder Gold, waren daher ein wichtiges Moment der Staatenbildung, weil es die Ökonomien auf einem bestimmten Territorium miteinander über die dort geprägten Münzen verband. Das Geld als Zirkulationsmittel sorgte dafür, daß die Produzenten, Händler und Konsumenten einander als Untertanen derselben Macht erkannten und anerkannten, indem sie sich über das gleiche Zirkulationsmittel austauschten.


3. 3. Zirkulationsmittel als nationaler und grenzüberschreitender Machtfaktor

Für die Macht, also den König und seine Regierung war – und ist! – das Bereitstellen des Zirkulationsmittels ein wichtiges Moment, um sich als Macht zu behaupten, weil damit erstens ein gesellschaftliches Bedürfnis befriedigt wird. Das seinerzeitige Münzamt, heute die Notenbanken, dienen ihren Privatsubjekten damit, daß sie ihnen ihre Geschäfte durch Zur-Verfügung-Stellen des Zirkulationsmittels ermöglichen. Gleichzeitig verschaffen sie sich Zugriff auf den auf ihrem Hoheitsgebiet erzeugten Reichtum und schließen andere Geldbesitzer davon aus.*(5)
Diesen Dienst erfüllen auch die modernen Staaten, denn ohne ihre Hoheit würde das heutige Zirkulationsmittel nicht als Geld angenommen werden.

Die Konvertibilität der Währungen ist eine einerseits geschäftliche, andererseits politische Leistung: Ein Staat mit erfolgreicher Wirtschaft braucht sich um die Konvertibilität seiner Währung nicht viel Sorgen zu machen, sie wird im Ausland so oder so nachgefragt. Ein Staat mit geringer Produktion jedoch muß dafür einiges ablegen, damit sich seine Bürger am Tausch mit dem Ausland beteiligen können.

So war es für die Regierungen der Nachfolgestaaten der SU, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens sehr wichtig, sich als einen der ersten Schritte ihrer Staatswerdung eine eigene Währung zuzulegen. Damit bemächtigten sich die neuen Machthaber ihrer Gesellschaft, ihres Staatsvolkes, als Bedingung für alle Transaktionen. Ihre Bevölkerung wurde auf das nationale Geld als Mittel des Warentausches verpflichtet.

Die Einführung des Euro ist – unter anderem – auch in dieser Funktion als Zirkulationsmittel zu würdigen. Erst dadurch kam die Produktion von Waren an einem Ende der EU für das andere Ende so richtig in Schwung, als Währungsschranken, Zoll und Wechselstuben wegfielen.

Diese beiden Funktionen des Geldes sind also sehr wichtig, aber zur Vollendung des Geldes als Geld müssen noch andere hinzukommen.


3. 4. Geld im wahrsten Sinne des Begriffes: Schatz, Zahlungsmittel und Weltgeld

So richtig zu Geld in seiner ganzen Umfänglichkeit muß hinzukommen, daß es den Wert, den es repräsentiert, auch halten, behalten kann. Es muß möglich sein, diese Wertmaterie in eine Truhe oder einen Safe zu legen und dort aufzubewahren.
(Man sieht hier, daß der Safran spätestens an dieser Stelle unbrauchbar gewesen wäre, also für eine entwickelte Geldzirkulation nicht getaugt hätte.)

Die zweite Gruppe der Funktionen macht also das Geld erst wirklich zu Geld.

Die erste der Funktionen der zweiten Gruppe ist die Fähigkeit zur Schatzbildung. Man muß diese Geldmaterie, die zum Zugriff auf andere Waren befähigt, horten können.

Erstens, um immer zu Käufen fähig zu sein, wenn sich eine günstige Gelegenheit ergibt. Zweitens, um sich als Händler kauffähig zu halten im Falle, wenn gerade nix da ist, was profitable Geschäfte verspricht. Diese Geldware/Gold muß also erstens haltbar sein, und zweitens immer verfügbar sein. Die Schatzbildung ergibt sich also zunächst aus dem Bedürfnis nach Liquidität, ständiger Zahlungsfähigkeit.

Aus dem Bedürfnis nach ständiger Liquidität ergibt sich ein weiteres Bedürfnis, nämlich dasjenige, sich notfalls Geld borgen zu können, wenn man selber keines vorrätig hat, aber ein gutes Geschäft sichtet. Dann ist es erfreulich, wenn man ums Eck einen Dagobert Duck kennt, der in seinen Truhen diese universelle Materie gespeichert hat und einem für eine kleine Gebühr, genannt Zins, dieses Zahlungsmittel auf Zeit überläßt.
Aus der Möglichkeit der Schatzbildung und dem universellen Bedürfnis der Kaufleute und auch der Nicht-Kaufleute nach Zahlungsfähigkeit entsteht der Geldverleih und der Zins als Preis des Geldes.

Über den Kredit in seiner entwickelten Form gibt das weitere Marx’sche Werk viel her, aber hier sei nur festgehalten, daß der Kredit zu den Funktionen des Geldes gehört, als unmittelbare Folge von, oder sogar als Element der Schatzbildung.
Das ist deswegen wichtig, weil es eine marxistische (also von Marx-Anhängern verfaßte) Kritik der Art gibt, daß verschiedene Ökonomen eine „Verwechslung von Geld und Kredit“ vorgenommen hätten. Diese „Verwechslung“ liegt in der Natur des Geldes begründet. Man kann natürlich die verschiedenen Funktionen gesondert besprechen, wie Marx es auch getan hat. Aber der Kredit gehört als Unter- oder Zusatzfunktion zu den Funktionen des Geldes, er ist auch bei Marx nicht von denselben getrennt.

Die Werthaltigkeit des Geldes ist weiters wichtig für Transaktionen, die ohne Geld auskommen und wo der Preis für die erhaltene Ware nicht beim Erhalt der Ware gezahlt wird. Das kann seinen Grund sowohl in geographischen Gegebenheiten haben – der Käufer sitzt woanders als der Verkäufer – als auch in der mangelnden Zahlungsfähigkeit des Käufers.
Das klassische Zahlungsmittel für diese Art von Transaktion ist der Wechsel, der als einer der Vorläufer des Papiergeldes betrachtet werden kann. Ähnlich wie beim Papiergeld haftet der Aussteller des Wechsels mit seiner Autorität für die Gültigkeit des Zahlscheins. Das Geld, das bereits als Maßstab der Preise und Zirkulationsmittel anerkannt ist – die Art der Währung, in der der Wechsel zu zahlen ist, wird auf ihm festgehalten – ist zu einem anderen Zeitpunkt und an einem anderen Ort auszuzahlen, als der Verkauf der Ware erfolgt ist.

Damit ist der Wechsel oder diese Art von Zahlung, wo Händewechsel der Ware und deren Bezahlung voneinander getrennt sind, gleichzeitig ebenfalls eine der frühen Formen des Kredits. Denn der Verkäufer vertraut – credere – darauf, daß er seine Ware am Tag X und am Ort Y bezahlt bekommt.

Der Warenkredit unterscheidet sich vom Bankkredit dadurch, daß dafür offiziell kein Zins verlangt wird, obwohl der Verkäufer natürlich eine Art Risikoprämie in den Verkaufspreis einfließen lassen kann, was auch seinerzeit durchaus üblich war. Nur daß diese Art von Zins in den Preis der Ware eingeht und nicht als gesonderte Zahlung festgehalten wird.

Der Wechsel ist ein Stück Papier ohne Warenwert, „inneren“ Wert. Seinen Wert erhielt er durch die Indossanten*(6), zwischen denen er als Zahlungsmittel zirkulierte. Der Verkäufer konnte gewinnen – durch zahlungskräftige Indossanten, die seinen Wert steigerten. So unterschied man in der Blütezeit des Wechsels zwischen „guten“ und „schlechten“ Wechseln, je nach Aussteller und den weiteren Zeichnern. Wo ein anerkannter Kaufmann als Indossant – der im Wechselregreß für den Wechsel bürgte – gezeichnet hatte, steigerte das den Wert des Wechsels. Auch die Zahl der Indossanten, die diesen Wechsel im Verlauf seiner Reise an den festgelegten Zahlungsort zeichneten, steigerte den Wert des Wechsels. „Gute“ Wechsel waren als Zahlungsmittel begehrt, weil sie als solches problemlos weiterverwendbar waren, bis zum Verfallsdatum, wo der Wechsel eingelöst werden mußte. Sie vermittelten daher viele Tauschakte und bewährten sich als Zirkulationsmittel, waren also so gut wie Geld.
(In Zeiten der mangelnden Rechtssicherheit hatten die Wechsel gegenüber Edelmetallen den unschätzbaren Vorteil, daß der Wegelagerer, der sie einem abgeknöpft hatte, nichts damit anfangen konnte. Es war ja offensichtlich, daß er weder der Aussteller noch ein Indossant war. Daher wäre ihm auch nichts ausbezahlt worden und er wäre im Gemeindekotter gelandet.)
 
Die Verwendung des Geldes als Zahlungsmittel, bzw. des Wechsels – also bei nicht direkter Bezahlung – setzt einerseits die Werthaltigkeit des Geldes voraus, zeigt aber bereits den Übergang zum Papiergeld auf. Also zu einem Geld, das keine abgesonderte Ware ist, keinen Gebrauchswert hat, kein Produkt von Arbeit ist, sondern nur durch den Stempel oder Namen des Ausstellers verbürgt wird. Damals war das eben ein angesehener Handelsmann, später war es eine staatliche Gewalt.

Heute ist der Wechsel ziemlich überflüssig geworden. Die Blütezeit des Wechsels war in der Renaissance und später, als die staatliche Macht nicht dafür ausreichte, internationalen Zahlungsverkehr zu gewährleisten. Damals war die geschäftliche Bonität der einzelnen Händler, Marktstädte und Handelsnationen der entscheidende Faktor, um Zahlungsfähigkeit innerhalb Europas oder auch außerhalb zu garantieren.
Der Unterschied zwischen Verkauf und Bezahlung ist heute digital, er setzt das Vertrauen in die Rechtslage voraus, nach der ein säumiger Zahler mittels Inkasso zur Kasse gebeten werden kann und durch Banken und Kreditkartenfirmen zahlungsfähig gehalten wird. Und damit kommen wir zur allerletzten Form des Geldes, die auf dem Imperialismus beruht: Auf der Fähigkeit der Staaten, Zahlung international zu erzwingen und zu garantieren.

Die letzte Funktion des Geldes, die Marx unter den entwickelten Funktionen des Geldes anführt, ist die des Weltgeldes:

„Das Weltgeld funktioniert als allgemeines Zahlungsmittel, allgemeines Kaufmittel und absolut gesellschaftliche Materiatur des Reichtums überhaupt (universal wealth). Die Funktion als Zahlungsmittel, zur Ausgleichung internationaler Bilanzen, herrscht vor.“ (Kapital I, Kap. I, 4., S 157)

Alles, was hier bisher über das Geld geschrieben wurde, geht von einem Markt und dessen Käufern und Verkäufern aus.
Aus dem Interesse nach Verkauf ergibt sich jedoch, daß lokale Grenzen stören. Wer Geschäfte machen will, stößt sich daran, daß es Grenzen gibt. Grenzen des Verkaufes, der Gültigkeit des Geldes, des Käuferkreises und der Zahlungsfähigkeit. Die Händler waren daher von jeher diejenigen, die in alle Richtungen mit ihren Waren loszogen und auch ihre jeweiligen übergeordneten Gewalten bei der Expansion ihres Einflußbereiches unterstützten. (Handelskompanien, Korsaren usw.)

Heute ist diesbezüglich das Geld als Weltgeld vollendet. Überall auf der Welt kann man mit Dollar oder Euro zahlen. Alle anderen nationalen Währungen müssen sich an die gültigen Weltwährungen anhängen, ihre Währungen zu den Bedingungen des IWF konvertibel machen, um am Weltmarkt teilnehmen zu können.
Auch Rußland oder Kuba können sich dieser Notwendigkeit nicht vollständig entziehen. Die wenigen Außenseiter des imperialistischen Getriebes müssen Methoden entwickeln, um an die begehrten Weltgelder zu kommen.

Man muß sich hier einmal bewußt machen, was das heißt, daß es ein – oder, wie heute, mehrere – Weltgelder gibt: Es heißt, daß alles zur Ware, alles käuflich wird, bis in den hintersten Dschungel und die Polargegenden usw. Jeder, der irgendwo auf der Welt lebt, muß alles kaufen, was er braucht. Es muß sich also jeder Geld beschaffen, um zu existieren.

Das Weltgeld ist die Vollendung der Geldwirtschaft und trägt einmal mehr dazu bei, das Geld aufgrund seiner Universalität und Unentrinnbarkeit als eine Art Naturgewalt zu betrachten: Das ist der heute gängige Geldfetisch.


Fazit

Den ganzen ersten Abschnitt des ersten Bandes des „Kapitals“ kann man als eine Theorie des Geldes verstehen. Er enthält auch andere Momente, an denen man weiterdenken kann. Aber als Auskunft über das, was Geld ausmacht, ist dieser Text unschlagbar.

Weder die Anhänger, noch die Gegner von Marx können mit diesem Teil viel anfangen. Die Sozialdemokraten, Lenin und andere äußerten sich, wenn überhaupt, dazu in der Art:
Historisch interessant, aber überholt;
eine Einleitung, aber eine ungeeignete;
an Hegel angelehnt,
theoretisch brilliant,
düstere Propyläen des Eingangs ins „Kapital“,
wortgewaltig,
gibt nichts her für (positive) Geldtheorien,
usw.

Bestenfalls wurde in dem Abschnitt noch herumgesucht, ob man nicht doch was finden könnte als theoretische Grundlage für ein sozialistisches Geld.
In den sozialistischen Ländern war es üblich, bei einer Kapital-Lektüre auf der Universität diesen ersten Abschnitt zu überspringen und durch „Einführungstexte“ zu ersetzen, die sich eher am „Anti-Dühring“ oder anderen Schriften von Engels anlehnten.

Es handelt sich also um einen sehr wenig gelesenen Teil des Kapitals.

Es finden sich noch im K I Ausführungen zur Staatsschuld und ihre Rolle als Treibstoff der Akkumulation des Kapitals (24. Kapitel: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, S. 782 ff.) und im K III wichtige Ausführung zu Umlaufgeschwindigkeit und Deckung des Staatspapiergeldes. (Das Kapital, Band III, 34. Kapitel: Das Currency Principle und die englische Bankgesetzgebung von 1844, S. 562 ff.)

Das möge aber jeder selbst nachlesen, es geht hier im Weiteren um den Bezug von Silvio Gesell auf Marx in seinem Buch: „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“.

 

II. Gesell

II. 1. Der Wert ist ein Unding

Gesell hielt nichts von der theoretischen Bestimmung des Wertes*(7). Die Wertlehre, also jede Lehre, die einen Wert behauptet, war für ihn ein „Hirngespinst“ (121), er schreibt vom „sogenannten“ Wert, was seine Mißbilligung dieser theoretischen Kategorie deutlich macht. Er verwehrte sich auch dagegen, daß Geld selber eine Ware sein müsse, wie Gold oder Silber einen „inneren Wert“ (S. 120) haben müsse – ihn interessierte unter den oben angeführten Funktionen des Geldes nur der des Zirkulationsmittels. Schon daß das Geld Maß der Werte sei, hielt er für eine reine Konvention – etwas, das man sich mehr oder weniger untereinander ausmachen könne.

„Übrigens sagt es ja auch Marx, dessen Betrachtung der Volkswirtschaft von einer Werttheorie ausgeht: »der Wert ist ein Gespenst«. – Was ihn aber nicht von dem Versuche abhält, das Gespenst in 3 dicken Büchern zu bannen. »Man abstrahiere«, so sagt Marx, »von den bearbeiteten Substanzen / Arbeitsprodukten alle körperlichen Eigenschaften, dann bleibt nur noch eine Eigenschaft, nämlich der Wert.«
Wer diese Worte, die gleich zu Anfang des »Kapitals« zu lesen sind, hat durchgehen lassen und nichts Verdächtiges in ihnen entdeckt hat, darf ruhig weiterlesen. Er kann nicht mehr verdorben werden.“ (S. 122)

Gesell sieht in der Kategorie des Wertes also etwas Metaphysisches, eine Erfindung, und meint, Marx habe das, wie aus obigem Zitat hervorgeht, ja auch irgendwie zugegeben.

Allerdings steht dieses Zitat nicht im Kapital, was er als Zitat ausgibt, ist schon eine Gesellsche Interpretation und Zusammenfassung der Ausführungen von Marx zu Gebrauchswert, Tauschwert und Wert.

Gesell bezieht sich vermutlich auf diese Absätze:

„Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten. Jedoch ist uns auch das Arbeitsprodukt bereits in der Hand verwandelt. Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert, so abstrahieren wir auch von den körperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen. … Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit.

Betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung. Diese Dinge stellen nur noch dar, daß in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist. Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.“ (S. 52)

Das mag ja etwas kompliziert ausgedrückt sein, aber gemeint ist von Marx eben, daß allen diesen unterschiedlichen Gegenständen nur eines gemeinsam ist, daß einen Tauschwert/Preis und deswegen auch einen Wert haben. Den führt er auf die darin enthaltene Arbeit zurück.

Man könnte sich noch etwas aufhalten bei Gesells Umgang mit Abstraktionen, die es nicht gibt, weil sie nicht greif- und meßbar sind („Den Preis kann man haarscharf messen, den Wert kann man nur schätzen.“ – S. 123) und erinnern an die Anekdote über Ernst Mach, der die Atomtheorie ablehnte und wenn jemand sie ihm gegenüber vertreten wollte, fragte: „Hams schon eins g’sehn?“, – aber das ist im Grunde für die hier behandelte Frage unwichtig.*(8)

Der Preis stellt sich für ihn bei jedem Tauschakt heraus, ist also real, so meinte er. Der Wert sei ein theoretisches Konstrukt von Marx und anderen, der nichts zum Funktionieren der Wirtschaft, dem Händewechsel der Ware, aber auch zur Produktion beitrüge.

Er wendet also gegen eine theoretische Überlegung ein praktisches Interesse ein: Der Wert ist ein „Hirngespinst“, und

„Vollkommene Unfruchtbarkeit ist das Zeichen dieser Wissenschaft.“ (S. 125)


II. 2. Das Papiergeld ist ein Ding!

Die Frage stellt sich aber, warum jemand eine nützliche, mit Arbeit hergestellte Sache, sei es Butter oder ein Auto, gegen Papierzettel hergeben sollte, die eingestandenerweise nur der Zirkulation dienen, aber nicht der Bereicherung des Verkäufers.

Zunächst ist nicht ganz von der Hand zu weisen, was Gesell seinen Ausführungen über die Ausstellung dieser dubiosen Zettel voranstellt:

„Das Papiergeld, so sagt man also, ist unmöglich, weil das Geld doch immer nur seinen eigenen, inneren »Wert«, seinen Stoffwert oder Wertstoff eintauschen kann, und weil doch das Papiergeld keinen solchen »Wertstoff« besitzt.“ (S. 126)

Es ist nicht klar, auf wen sich Gesell bezieht, also wer diese Behauptung aufgestellt hätte. Sie wäre natürlich unsinnig, weil als Gesell dieses Buch veröffentlichte*(9), war das Papiergeld ja gebräuchlich und wurde überall verwendet. Was wirklich, also vorhanden ist, kann nicht „unmöglich“ sein.

EXKURS 3

Marx, der zu einer Zeit publizierte, als das Papiergeld erst eingeführt wurde und – zumindest in Österreich, aber auch in Großbritannien – ein duales Geldsystem bestand, also das Münzgeld (als geprägte Edelmetalle, ergänzt von den kupfernen „Scheidemünzen“) neben dem Papiergeld im Umlauf war, bezeichnet das Papiergeld als „Wertzeichen“. Er meinte damit, daß das Papiergeld auf das Münzgeld verweist und nur darüber akzeptiert wird, daß es als Vertreter des metallischen Geldes galt. (Ähnlich, wie heute z.B. der Forint an den Euro gebunden ist.)
In Österreich herrschte zu Marx’ Zeiten, also von 1848 bis vermutlich 1873 die Zeit des „Silberagios“, das sich nach einigen Schwierigkeiten auf 20% einpendelte. Das heißt, die Preise, aber auch die Zahlungen auf Schuldscheinen usw.  waren in Silbergulden ausgewiesen. Zahlte jemand mit Papiergeld, so mußte er 20% drauflegen.
(Im Vormärz war das Papiergeld als dem Münzgeld gleichwertig anerkannt, es gab keinen Aufschlag. Die Revolution von 1848, als die Einwechselmöglichkeit bei der Nationalbank aufgehoben worden war, hatte jedoch das Vertrauen in das Papiergeld erschüttert. Um so mehr, als diese Eintauschmöglichkeit nie wiederhergestellt wurde.)
Für die Zeit nach 1973 habe ich keine Informationen. Es erscheint jedoch, daß als Folge des Ausgleichs mit Ungarn und des Börsenkrachs der Zwangskurs eingeführt wurde. Wer einen Aufschlag für Papiergeld verlangte, machte sich also strafbar. Auch die Neuausrichtung der Nationalbank in die Österreichisch-Ungarische Bank 1878 und die Einführung des Goldstandards 1892 änderten daran nichts mehr.

Zur Zeit der Publikation der „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ (während des 1. Weltkriegs) war sicherlich überall der Zwangskurs in Kraft und es gab keine Alternative zum nationalen Papiergeld.

Gesell führt im Weiteren an, daß eigentlich überall das Papiergeld vorherrscht, um diese Geldtheoretiker, gegen die er sich wendet, richtig alt ausschauen zu lassen.
Ihr sagt, es geht nicht, dennoch wird es überall gemacht!

Also, fragt er, wie ist das möglich?

„Jetzt wollen wir den Kräften nachspüren, die es möglich machen, daß das Volk sich um Zettel mit irgendeiner der obigen Inschriften reißt, daß man zur Erlangung solcher Zettel im Schweiße des Angesichts arbeitet, daß man seine Erzeugnisse, die Waren mit Wertstoff und Stoffwert, gegen solche Fidibusse hergibt, daß man Schuldscheine, Wechsel, Pfandbriefe, die auf solche Zettel lauten, annimmt und als sogenannte Wertbewahrer oder Wertkonserven aufbewahrt, daß man nachts weinend auf dem Bette sitzt, nachgrübelnd, wie man sich solche »Papierwische« für den fälligen Wechsel verschaffen kann; wie man auch Bankerott macht, gepfändet wird und der Unehre verfällt, weil man seiner Verpflichtung, Zettel mit obiger Inschrift zu einer bestimmten Stunde, an einem bestimmten Ort abzuliefern, nicht nachkommen kann, und schließlich, wie man jahraus, jahrein, ohne Vermögensverlust in Saus und Braus leben kann, weil man solche Zettel als »Kapital« irgendwo angelegt hat. Die geheime Quelle, aus welcher der Papierfidibus, das Papiergeld und das Geldpapier, das Geld der John Law*(10) und anderer Papiergeldschwindler, der Greuel aller Nationalökonomen und Krämerseelen, die Lebenskräfte zu solchen Taten schöpft, soll jetzt aufgedeckt werden.“ (S. 129)

Seine „Erklärung der Tatsache“ setzt die bestehenden Eigentumsverhältnisse, also den entwickelten Kapitalismus und den bürgerlichen Staat, der diese Eigentumsverhältnisse aufrechterhält, als eine der weiteren Erklärung nicht bedürftige Gegebenheit voraus:

„Wenn ein Mensch irgendeinen Gegenstand braucht und haben will, und es trifft sich, daß der gesuchte Gegenstand im Besitze anderer, und sonst nicht zu haben ist, so wird er sich in der Regel genötigt sehen, etwas von seiner Habe anzubieten, um den Besitzer der gesuchten Sache zu veranlassen, ihm das, was er braucht, abzutreten. Er wird also den Gegenstand durch Tausch an sich bringen.“

Daß der gesuchte Gegenstand sich „im Besitze anderer“ befindet und nicht vielleicht zur freien Verfügung der Bedürftigen steht, ist für ihn keiner näheren Überlegung wert. „Besitz“ ist also für Gesell sakrosankt.
Daß man dann zum Tausch greift und nicht zur unmittelbaren Aneignung, setzt wiederum fest eingerichtete Gewaltverhältnisse voraus, in denen man, ohne dem Strafvollzug zu verfallen, nur den Tausch als einzige legale Möglichkeit vorfindet.

Silvio Gesell ist also, das soll einmal hier aufgrund seiner Aussagen festgehalten werden, ein Anhänger der Eigentumsordnung und des Staates.

Weil die Leute tauschen wollen – weil sie ohne Raub anders nicht an die Gegenstände ihres Begehrs herankommen können – so brauchen sie ein Tauschmittel, ganz einfach. Das hiermit aufgrund der Bekräftigung der bestehenden Verhältnisse eingeführte „Grundbedürfnis“ dient im Weiteren zur Begründung dessen, warum es Geld geben muß.

Aber es gibt unter den derzeitigen Verhältnissen laut Gesell jede Menge Mißbrauch dieses an und für sich ehrbaren Bedürfnisses, nämlich durch diejenigen, die ein Monopol des Tauschmittels, des Geldes haben.


II. 3. Das Papiergeld und seine Unwegsamkeiten

Als Wucher bezeichnet Gesell alle Arten von übermäßiger Bereicherung, wobei er zugesteht, daß ein

„Wunsch … alle Warenbesitzer beseelt, möglichst wenig zu geben und möglichst viel zu nehmen.“ (S. 131)

Was er dann alles als Warenbesitzer und Sich-Bereicherer bezeichnet, ist abenteuerlich:

„Der Warenbesitzer, der Arbeiter, der Börsenmann hat es auf die Ausbeutung der Marktlage, des Volkes im großen, abgesehen. Der Berufswucherer richtet seine Angriffe mehr auf eine Person; das ist vielleicht alles, was den Handel vom Wucher unterscheidet.“ (S. 131-32)

Wie sich Arbeiter bereichern sollen am Volk, wird nicht genauer ausgeführt. Er meint vermutlich Streiks oder Ähnliches. Denn der Arbeiter besitzt ja die Waren, die er herstellt, gar nicht.

Diese Möglichkeiten zur unmäßigen Bereicherung entstehen durch Horten, durch Sonderrechte und durch Protektionismus. (S. 130 ff.) Dadurch entstehen verzerrte Austauschverhältnisse.
Würden sich hingegen die Waren frei bewegen, so entstünden sozusagen „natürliche“ Preise.

Gesell kann natürlich auch nicht sagen, wie diese natürlichen Preise ausschauen, deswegen kommen lange Ausführungen über mißbräuchliche Verwendung des Papiergeldes, das aber doch von allen genommen wird, weil es als Zirkulationsmittel die Bedingung des Austausches darstellt.

Das Geld befriedigt, so setzt er fest, ein gesellschaftliches Bedürfnis, es ist daher nicht nötig, daß es irgendeinen Wert hat, es muß nur da sein.

Ihm ist natürlich auch bekannt, daß es Umstände gibt, wo irgendwelche Papierzettel gar niemanden interessieren, und daher auch nicht als Zirkulationsmittel taugen.

Um diesbezüglichen Einwänden zu begegnen, wendet er sich zunächst gegen die Vorstellung, das Papiergeld müßte durch Sachwerte gedeckt sein. Manche seiner Gedanken sind nicht ganz nachvollziehbar, wie z.B. dieser:

„Ich will nachweisen, daß, während das Metallgeld vom Staate, der es prägte, ohne Gesetzesverletzung vernichtet werden kann, das Papiergeld nur zusammen mit dem Staate, mit dem Volke, zugrunde geht.“ (S. 144)

„Der Staat darf dem Papiergeld die Vorrechte des Geldes nicht entziehen, ohne die Inhaber zu entschädigen. … Der beste Beweis für diese Entschädigungspflicht ist wohl der, daß sich überhaupt keine anderen Gründe dafür finden lassen als die Selbstverständlichkeit dieser Pflicht.“ (S. 150)

Dieses Buch wurde vor dem gesamten Inflationsgeschehen des 20. Jahrhunderts geschrieben. Dennoch offenbar sich hier eine Gläubigkeit an die Verpflichtung der Staatsgewalt gegenüber ihren Untertanen, die es eigenartig erscheinen läßt, warum Gesell bei den Anarchisten so beliebt ist.
Immerhin tobte doch bereits der I. Weltkrieg. Sein Volk an die Front zu schicken und dort zu verheizen, ja, das ist sozusagen kein Bruch mit dem Selbstverständlichen, aber die Entwertung des von ihm ausgegebenen Papiergeldes zuzulassen – nein, das darf sich keine Regierung erlauben?!

Worauf Gesell hinaus will, schreibt er in der Zusammenfassung seiner Überlegungen zur Deckung hin:

„Das Geld wird, unabhängig von seinem Stoff, immer und ausschließlich durch die Arbeitsteilung gedeckt.“ (S. 153)

Es ist im Grunde die Wiederholung der immergleichen Überzeugung, die auf einem Zirkelschluß beruht: Weil alle Warenbesitzer Geld als Zirkulationsmittel benötigen, werden sie alles nehmen, was diesen Zweck erfüllt.

„Nun fragt es sich, wie hoch der Preis des Papiergeldes über den Preis des Geldpapieres getrieben, wie das Tauschverhältnis zwischen Geld und Waren gestaltet werden soll.“ (S. 153)

Bei der Überlegung, wie denn „der Preis des Geldes“ (Wert gibt es ja für ihn keinen) festgesetzt werden soll, kommt er dorthin, was bei Marx die allgemeine Wertform ist:

„Der Geldpreis hat so viele Ausdrücke, wie es Arten, Güteunterschiede, Lieferfristen und Standorte von Waren gibt. Wer sämtliche Marktzettel und Preislisten eines Landes rückwärts liest, der weiß genau, wieviel zur Stunde das Geld gilt.“ (S. 155)

Nachdem das aber niemand macht, so weiß man eben nicht, was dieser „Preis des Geldes“ ist. Um das doch zu erreichen, schlägt er vor, einzelne wichtige Waren herauszufiltern und an denen die Preisveränderungen zu dokumentieren.
(Das ist das, wie heute die Inflation berechnet wird, an einem Warenkorb.)

Für Schwankungen der Preise führt er Angebot und Nachfrage ins Feld. Die sind sozusagen der „Preisrichter“. (S. 178)

Alle seine weiteren Überlegungen bringen keine Bestimmung für den Geldwert hervor. Das ist allerdings der Zweck der Übung: Weil sich kein irgendwie gearteter „Preis des Geldes“ feststellen läßt, so gibt es ihn eben nicht! Es liegt also in der Macht des jeweiligen Ausstellers, ihn festzusetzen.

Um alle weiteren Ausführungen Gesells abzukürzen, läßt sich sagen: Da er dem Geld alle anderen Funktionen außer der des Zirkulationsmittels abspricht und es nur als Vermittler des Warentausches definiert, so werden auch die Machtverhältnisse, die der Besitz der Geldhoheit voraussetzt und immer wieder neu hervorbringt, völlig negiert.
So kommen dann gute Ratschläge für Geldausgabe an alle Menschen, die guten Willens sind und ja nichts weiter wollen, als in aller Unschuld ihre Waren austauschen.

Man kann also, auf den Ausgangspunkt der Debatte zurückkommend feststellen, daß Marx an verschiedenen Stellen des „Kapitals“ (Band I-III) eine umfassende Theorie des Geldes vorlegt, die auf alle Momente dieser Wertmaterie eingeht.
Gesell hingegen bietet eine Reduktionstheorie, die dem Geld nur eine einzige Funktion zugesteht, nämlich die, die ihm wichtig ist, die des Zirkulationsmittels.

***

Zu David Harvey, der als Marx-Kenner gilt und einen relativ populären Kapital-Kommentar verfaßt hat, haben sich die „Gruppen gegen Kapital und Nation“ einmal die Mühe gemacht, nachzuweisen, daß er seine Parteinahme für das Schwundgeld auf einer tendenziösen Interpretation der abstrakten Arbeit beruht.

Der Funke“ hat einen weiteren Beitrag gegen Positionen von David Harvey verfaßt, aus dem hervorgeht, daß seine Bemerkung über die angeblich nicht vorhandene Geld-Theorie von Marx nicht einfach ein „Ausrutscher“ ist, sondern auf einer grundlegenden Parteinahme für den Imperialismus und die Herrschaft des Kapitals beruht: „Akademische Linke gegen die Revolution

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Abschließend ist zu bemerken, daß eine Währung ihren Wert aus der Macht des ausgebenden Staates bezieht, sich die Erde untertan zu machen und einen Teil der globalen Reichtumsproduktion unter seiner Hoheit zu vereinigen.
Wer sich über das Gewaltmonopol des Staates, den Imperialismus und die daraus entstehenden Abhängigkeiten keine Gedanken machen will, kann getrost auch auf Überlegungen zum Geld verzichten: Sie sind vergebliche Liebesmüh.
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Marx wird zitiert nach: MEW Band 23, Dietz-Verlag 1973 ff., am Internet hier.

Gesell wird zitiert nach: Silvio Gesell gesammelte Werke Bd. 11, Gauke Verlag GmbH 1991, am Internet hier, aber mit anderer Seitenangabe.

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Fußnoten:

*(1) Wert und Preis werden in diesem Artikel oftmals synonym gebraucht.
Der Preis unterscheidet sich allerdings heute vom Wert (also den vom Unternehmer und Kaufmann festgelegten, aus deren Kosten und Gewinnkalkulationen errechneten Preis) einer Ware dadurch, daß der Staat jede Menge Steuern drauf erhebt. Die indirekten oder Konsumsteuern machen – zumindest in Österreich – ca. die Hälfte des Steueraufkommens aus, die andere Hälfte kommt durch die direkten Steuern herein, wie Einkommens-, Lohn-, Grund-, Körperschaftssteuer, KEST, usw.
Dieses Element des Preises einer Ware stammt jedoch nicht aus der Privatwirtschaft, der Produktion, Distribution und den Gewinnkalkulationen, sondern aus dem souveränen Beschluß des Staates, bei seinen Bürgern etwas abzuschöpfen.

*(2) Safran wird, wie ich kürzlich erfuhr, in England immer noch angebaut. Inzwischen haben auch Landwirte in Mitteleuropa den Safran als Nischenprodukt wieder entdeckt. Da er aber immer noch sehr arbeitsintensiv und deswegen teuer ist, ist eine Renaissance dieses Produktes unwahrscheinlich.

*(3) Im Unterabschnitt über den Fetischcharakter der Ware findet sich ein Absatz über Robinson Crusoe.
(Das Buch selber ist ja schon eine Rechtfertigung des Tausches und der Überlegenheit der weißen Rasse. Darin geht es über die wie immer gearteten Erzählungen von Selkirk hinaus.) Aber Marx legt hier noch ein Schäuferl drauf. Er behauptet nämlich, Robinson

„beginnt als guter Engländer bald Buch über sich selbst zu führen. Sein Inventarium enthält ein Verzeichnis der Gebrauchsgegenstände, die er besitzt, der verschiednen Verrichtungen, die zu ihrer Produktion erheischt sind, endlich der Arbeitszeit, die ihm bestimmte Quanta dieser verschiednen Produkte im Durchschnitt kosten. Alle Beziehungen zwischen Robinson und den Dingen, die seinen selbstgeschaffnen Reichtum bilden, sind hier so einfach und durchsichtig, daß selbst Herr M. Wirth sie ohne besondre Geistesanstrengung verstehn dürfte. Und dennoch sind darin alle wesentlichen Bestimmungen des Werts enthalten.“ (S. 91)

Eben nicht.
Marx streicht nämlich hier durch, was er auf den vorigen Seiten behauptet hat: Damit Gegenstände einen Wert erhalten, müssen sie sich auf dem Markt austauschen.
Auf Robinsons Insel gibt es aber keinen Markt. Er ist allein.

*(4) Zur Tauschbank Proudhons findet man wenig am Internet.
Soweit mir bekannt, wollte er eine Bank eröffnen, die das Handelskapital und das Geldkapital mit ihrem Gewinninteresse als Vermittler ausschalten sollte. Die Produzenten sollten sich direkt austauschen und ihre Produkte gegen Geld-Zettel eintauschen, je nach ihrer investierten Arbeitszeit und ihren Unkosten bei der Beschaffung des Rohmaterials.
Die Bank ging bald pleite, weil die Langsamsten und Unproduktivsten die höchsten Zahlungen erhielten.

*(5) Unter den Bedingungen des auf Edelmetallen beruhenden Münzgeldes stellte sich deren universeller, konvertibler Charakter als Nachteil für die über Gold und Silber verfügenden Staaten heraus, weil sie dadurch als Markt attraktiv für ihre Rivalen wurden: Diese entwickelten Produktionen, um sich durch Export Zugriff auf diese Gold- und Silbermünzen zu verschaffen. Die Entwicklung der Manufakturen wurde durch die Begierde nach dem Edelmetall-Reichtum der Kolonialmächte eingeleitet.
Eduardo Galeano benennt das in seinem Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“: „Spanien hatte die Kuh, aber andere tranken die Milch“.
Der Edelmetall-Reichtum Spaniens führte durch Abfluß desselben zu seiner Verarmung.

*(6) Der Indossant ist derjenige, der den Wechsel nach dem Verkäufer als Zahlungsmittel anerkennt. A kaufte Ware von B und gab ihm anstatt Geldes einen Wechsel mit der Aufschrift: „Ich werde am Tag X am Ort Y zahlen.“ B gab dann den Wechsel an C weiter, von dem er etwas kaufte. C kaufte mit dem Wechsel etwas von D, und so weiter. C, D und alle weiteren waren Indossanten, die mit ihrer Unterschrift auf der Rückseite des Wechsels dafür bürgten, daß der Wechsel am Tag X am Ort Y bezahlt werden würde. Je mehr Indossanten ein Wechsel hatte, um so vertrauenswürdiger war er.

*(7) Zu dem, wie der Wert historisch zustandekommt, verweise ich die Einleitung zu einem meiner Bücher: „Der Kaufmann als Agent des Wertes“.

*(8) Nur noch eine Erinnerung daran, daß Theorie eben mit Abstraktionen zu tun hat, Allgemeines festhält und nicht nur im Einzelnen verharren kann – diese Ablehnung von Abstraktionen ist bei Gesell auch eine Entscheidung, sich auf gewisse Gedankengänge gar nicht einzulassen: „Eine besondere Theorie des »Wertes« ist überflüssig.“ (S. 123)

*(9) Es ist mir nicht gelungen, herauszufinden, wann das Buch publiziert wurde. Da im Anhang ein „Vorwort zur 2. Auflage“ von 1916 steht, so nehme ich an, daß es ursprünglich 1915 oder 1916 publiziert wurde.
Das ist insofern bedeutsam, als Gesells Thesen sicher vor dem I. Weltkrieg entwickelt, aber während des Kriegs publiziert wurden, als die Papiergeldemission gewaltig angewachsen war, und nach dem Krieg, in Zeiten der galoppierenden Inflation, sehr aktuell waren.

*(10) John Law gilt als „Schwindler“, obwohl er nur das vorwegnahm, was sich 2 Jahrhunderte nach seinem Tod als Normalität eingebürgert hatte.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser von ihm in die Wege geleiteten Papiergeldemission steht bis heute aus.

*(11) Die Notwendigkeit des Geldes durch die Arbeitsteilung zu begründen, ist keine Besonderheit von Gesell.
Aus der Arbeitsteilung folgt aber gar nichts, auch kein Geld. Dieses setzt geklärte Eigentums- und Machtverhältnisse voraus, wo jeder Eigentümer von Produktionsmitteln – bzw. deren Grundlage: Grundeigentum – sich an den anderen Mitgliedern der Gesellschaft bereichern will. Dieses Interesse ist verfassungmäßig garantiert und wird durch die hier und heute herrschende Rechtsordnung hervorgebracht und bekräftigt.

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