III. Von der Strafkolonie zum Weltraumbahnhof: die schwierige Entwicklung Französisch-Guayanas
Schwieriger Anfang: Niemand wollte dort hin Aus den einigermaßen verwirrenden Angaben über die Anfänge der europäischen Besiedlung Französisch-Guayanas ergibt sich, daß die ersten Bewohner des heute französischen Küstenstreifens Briten und Holländer waren und daß Cayenne eine holländische Gründung ist. Verschiedene französische Könige und Regierungen bemühten sich, dort Siedler hinzulocken. Jesuiten wurden hingeschickt. Dann kamen aus südlicheren Küstengegenden sefardische Juden, die von den Portugiesen vertrieben worden waren. Aber alle diese Siedlungen waren klein und kurzlebig. Nachdem Frankreich im 7-jährigen Krieg seine ganzen nordamerikanischen Territorien an Großbritannien verloren hatte, wurde dieser kleine leere Küstenstreifen, den eigentlich niemand wollte, um so interessanter. Immerhin Festland, und von den Briten nicht besetzt. Es gab damals – 1763 – ein Fort und ein paar Hundert Bewohner, einen Brückenkopf sozusagen. Außerdem rückten damals die 3 Inseln vor Kourou in den Blickpunkt, weil sie etwas bessere Überlebensbedingungen boten als das Festland. Sie wurden „Îles du Salut“ genannt, was man als Inseln der Gesundheit, oder auch der Zuflucht übersetzen kann. (Sie wurden in der Zeit der Strafkolonie vor allem wegen zweier Häftlinge bekannt, die es zu literarischem Ruhm gebracht haben: Alfred Dreyfus und Henri Charrière.) Die Berichte der Überlebenden hatten zur Folge, daß sich dort niemand mehr freiwillig ansiedeln würde. Die nächsten Ankömmlinge wurden daher mit Gewalt dorthin gebracht: Sklaven, die meistens nicht von Afrika direkt, sondern über andere lateinamerikanische Kolonien eingekauft und nach Guayana geliefert wurden, in kleineren Partien und oft durch holländische Händler. Nach einer kurzen Zeit des relativen Aufschwungs durch Plantagenwirtschaft mittels Sklaven kehrte nach der Aufhebung der Sklaverei 1848 wieder Stagnation ein, die Plantagen verfielen. Sie waren allerdings sowieso zum größten Teil auf das Hinterland Cayennes beschränkt gewesen. Strafkolonie Als Kombination zwischen der Entledigung unangenehmer Mitbürger und einer Besiedlung durch Zwang, nachdem alles andere gescheitert war, wurde unter Napoleon III. Französisch-Guayana als Strafkolonie wiederentdeckt und offiziell eingerichtet: „Die Strafkolonien wurden durch Napoleons III. Gesetz vom 30. Mai 1854 geschaffen. Aber bereits mit der Verkündung des Dekrets vom 8. Dezember 1851, 4 Tage nach dem Staatsstreich, wurden Deportationen nach Cayenne organisiert. „Ab den 1930er Jahren sah sich das Kolonialministerium mit einer bitteren Realität konfrontiert: Die Strafkolonie kostete mehr, als sie einbrachte, und war nicht in der Lage, sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen.“ (Aufhebung der Verbannung nach Französisch-Guayana) Es fragt sich allerdings, ob das vorher anders war oder ob erst 1930, nach der Weltwirtschaftskrise, überhaupt erstmals nachgerechnet wurde?
Goldrausch Ungefähr um die gleiche Zeit, als die Strafkolonie Schwung aufnahm, wurden erstmals Goldfunde an einem kleineren Fluß im Urwald gemacht. All das entwickelte sich ohne irgendeine staatliche Kontrolle und auch ohne Hilfestellungen oder auch Besteuerung durch den Staat. Französisch-Guayana präsentierte sich also ungefähr ein Jahrhundert lang als ein geographisch und wirtschaftlich zweigeteiltes Territorium, wo außerhalb der Küstenregion, in der sich die Ortschaften und die Strafkolonien befanden, eine Art Niemandsland prosperierte, in dem sich jeder nahm, was er kriegen konnte. Nach 1945 wurde die Zeit der Strafkolonie durch die Eingliederung in den Staatsverband abgelöst. Die Stellung Guayanas änderte sich grundlegend: Administrativ, von der Versorgung her und auch von der Bevölkerungsentwicklung.
Teil Frankreichs Mit der Erklärung zum „Überseedepartement“ im Jahr 1946 wurde nämlich gleichzeitig entkolonialisiert und das Territorium behalten, indem es kurzerhand, ungeachtet der Distanz, Teil der französischen Nation wurde. Diese Aufnahme in das nationale Hoheitsgebiet ist ein historisch relativ einmaliger Fall, in dem einerseits die Kolonie keinerlei Widerstand leistet, keinerlei Abspaltung versucht. Hier unterscheidet sich Französisch-Guayana deutlich von anderen Kolonien Frankreichs, wie Vietnam, Kambodscha oder Algerien. Als Überseedepartement und budgetärer Zuschußposten auf dem südamerikanischen Festland hatte Französisch-Guayana eine Zeitlang einen ähnlichen Status wie z.B. die Falkland-Inseln für Großbritannien vor 1983: Es war zwar da, aber niemand interessierte sich dafür.
Das änderte sich jedoch Anfang der 60-er Jahre. Das französische Weltraumprogramm Nicht nur die USA, auch die Grande Nation interessierte sich nach 1945 für die deutschen Wunderwaffen V1 und V2. Während bei den Marschflugkörpern lange keine großen Fortschritte erzielt wurden, war die Entwicklung von Raketen mit Flüssigantrieb in Frankreich Chefsache. Bald wurden in der algerischen Wüste einige Stationen eingerichtet, um dort Teststarts durchzuführen. Diese fanden ungeachtet der Aufstände und Kampfhandlungen während des algerischen Unabhängigkeitskriegs kontinuierlich statt. Die V2, ursprünglich gebaut, um schnell große Distanzen zu überwinden und damit gegnerische Abwehrmaßnahmen zunichte zu machen, ließ sich auch in ein Gerät umwandeln, das hoch hinauf schießen konnte. Auf ihr baut das Raumfahrtsprogramm der USA, der Sowjetunion und auch Frankreichs auf. (Natürlich auch die Interkontinentalraketen: Die ursprüngliche Bestimmung, dem Gegner schwere Schläge zu versetzen, ist nach wie vor interessant.) Nachdem Algerien als Kolonie abhanden gekommen war, besannen sich die zuständigen Behörden auf das ja auch noch vorhandene Überseedepartement Guayana, das weiterhin dünn besiedelt zwischen ein paar Verwaltungsbeamten, Eingeborenen und Goldschürfern vor sich hin kümmerte – und siehe da: Es stellte sich heraus, daß dieses Territorium viel besser geeignet war als die algerische Sahara, von seiner Lage, der dünnen Besiedlung, der Küste usw. Das ganze Programm war alles andere als billig und so kamen die Verantwortlichen des 1961 gegründete „Zentrums für Weltraumforschung“ (CNES) auf die Idee, Trägerraketen für Satellitentransport zu entwickeln und das kommerziell anzubieten, um wenigstens einen Teil der Kosten für das Weltraumprogramm hereinzubringen. Der Bedarf nach dieser Dienstleistung war nämlich entstanden, nachdem mehr und mehr Staaten Satelliten verschiedenster Art in den Weltraum schickten und dafür ein entsprechendes Transportgerät benötigten.
... und sein irdisches Zuhause: Kourou Ausgerechnet die Ortschaft Kourou, die in Frankreich eine Art Symbol für die gescheiterte Besiedlung Französisch-Guayanas im 18. Jahrhundert und die Schrecken der Tropen geworden war, wurde als neue Basis für Starts in den Weltraum ausgesucht. Vor allem die Nähe zum Äquator, die Nähe zum Meer und die völlige Gestaltungsfreiheit für die französischen Forscher und Behörden gaben den Ausschlag für diese Wahl. Immerhin handelte es sich um unbestritten französisches Territorium, aber weitab von störenden Augen von Freund und Feind. Nach vorne der Atlantik, nach hinten der Dschungel und keinerlei Gefahr vieler neugieriger Beobachter. Nachdem Frankreich lange Zeit die einzige europäische Macht gewesen war, die ein Weltraumprogramm verfolgte, drängten mit der Zeit auch andere europäische Staaten in diese Domäne, nachdem sich dank der sowjetischen und US-Aktivitäten auf diesem Gebiet die Möglichkeiten und die Wichtigkeit der Eroberung des Weltraums gezeigt hatten. Von 1975 bis 1980 wurde die Europäische Weltraumorganisation ESA gegründet. Nachdem ihre Vorgängerorganisationen bereits einige Satelliten, aber keine Trägersysteme, um diese ins All zu befördern, geschaffen hatten, mußten diese Satelliten durch die USA in den Weltraum gebracht werden. Mit französischem Know-How und multinationaler Finanzierung gingen schließlich die Ariane-Raketen in Serie, die mit Modifikationen seit 1979 die europäischen Forschungs- und Nachrichtensatelliten ins Weltall tragen. Mit Ausnahme einiger Flops meistens erfolgreich.
Aufgrund von Kapazitätsproblemen beim Ariane-Programm begann im 21. Jahrhundert die über ein Jahrzehnt andauernde Kooperation mit Rußland.
Unter allen Weltraumbahnhöfen weltweit ist Kourou der beste. Er verfügt über Küste, wenig Besiedlung, praktisch keine Stürme und ist dem Äquator am nächsten. Energie Da Frankreich außer dem Kosmodrom in Kourou auch bis 2013 potente Sendeanlagen für Radio France und Rundfunk-Mieter aus anderen Staaten unterhielt, stellte sich bald die Frage der Energieversorgung. Deshalb wurde vom französischen Energieversorger EdF in den Jahren 1989-94 der Petit-Saut-Staudamm gebaut und damit der gleichnamige Stausee eingerichtet, der größte Stausee Frankreichs. Er deckt zwei Drittel des Strombedarfs von Französisch-Guayana, der Rest wird auf andere Weise erzeugt – aus Öl und auch aus Sonnenenergie. Gegenüber 1961 hat sich die Bevölkerung verzehnfacht, auf mehr als 300.000. (Die Einwohnerzahl entspricht ungefähr der zweitgrößten Stadt Österreichs, Graz.) Französisch-Guayana ist die Provinz Frankreichs mit dem größten Bevölkerungswachstum. Obwohl in den Urwaldgegenden der Goldabbau, der Schmuggel und auch Holzraub stattfinden, sind die Küstenregionen und die dortigen Ortschaften wohlgeordnet und wohlversorgt.
April 2026 |