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WEISSRUSSLAND:
DAS MISSRATENE KIND DER GUS-FAMILIE
Wenn man in den letzten Jahren etwas über Weißrußland
gehört hat, so handelte es sich meistens um Demonstrationen und deren
gewaltsame Auflösung, Ausweisung und Behinderung der Vertreter westlicher
Organisationen und Diplomaten und ähnliche Meldungen, die auf ein
schlechtes Verhältnis zwischen Regierung und Opposition hinweisen.
Kein Zweifel: In Weißrußland geht es nicht wirklich demokratisch
zu.
Auffallend ist aber auch das Fehlen bestimmter Berichte über allgegenwärtige
Armut, wie sie seit Jahren am laufenden Band über Rußland,
die Ukraine usw. geliefert werden. Es gibt weder Klagen über galoppierende
Inflation in Weißrußland, noch über deren Bekämpfung
durch monatelanges, jahrelanges Nichtzahlen der Gehälter und Pensionen.
Ebenso auffallend ist das Fehlen jeglicher Nationalitätenkonflikte
in einem Land, in dem außer Weißrussen immerhin über
20% der Bevölkerung von Minderheiten, Russen, Polen, Ukrainern,
Litauern und sogar Tartaren , gestellt werden.
Es scheint so zu sein, daß Demokratie und Marktwirtschaft in den
Nachfolgestaaten der Sowjetunion ohne diese Begleiterscheinungen nicht
zu haben ist. Entweder ein Staatschef präsentiert sich als Reformer
und bekennt sich zur offenen Gesellschaft und zur Privatisierung
dann werden deren Folgen mit einem leider versehen
für notwendig erklärt , oder er hält so weit wie
möglich am Althergebrachten fest und nimmt dafür eine schlechte
Presse in Kauf.
Letzteres ist die Praxis Alexander Lukaschenkos, des starken Mannes
Weißrußlands.
1. Weißrußland und Rußland
Lukaschenko betont immer wieder, daß er als einziger der damaligen
weißrussischen Führung gegen die Auflösung der SU gestimmt
habe. Die von ihm angestrebten und abgeschlossenen Kooperations-, Unions-
und Zollabkommen mit Rußland und anderen Staaten bezeichnet er immer
wieder als unvollkommenen Ersatz für die leider nicht mehr
mögliche Wiederherstellung der SU. Damit ist das Spannungsverhältnis
umrissen, das zwischen Rußland und Weißrußland besteht:
Hier geht es als einzigem Fall innerhalb der GUS nicht um einen partikularen
Nationalismus, der sich gegen den Einfluß Rußlands abschirmen
will, sondern um einen Gegensatz in der Handhabung des Verhältnisses
zwischen Staat und Volk, ökonomisch wie politisch. Lukaschenko würde
auch im Inland gerne wieder die Zustände einrichten, wie sie vor
der Wende bestanden haben. Im Bewußtsein, daß dies aber am
Widerstand sowohl des Westens als auch der GUS scheitern würde, über
die er sich aus militärischen und ökonomischen Gründen
nicht hinwegsetzen kann, folgt seine Innenpolitik einem Zickzackkurs zwischen
diktatorischen Bestrebungen und demokratischen Zugeständnissen.
Die Vereinigung mit Rußland scheitert inzwischen in erster Linie
an der Ablehnung Rußlands. Im September verkündete Boris Nemzov,
die Integration der beiden Staaten wäre so absurd wie diejenige Nord-
und Südkoreas oder diejenige Kubas und Floridas, da sich ihre
ökonomischen Grundlagen unterscheiden. Lukaschenko ist beinahe
schon ein unerwünschter Ausländer in Rußland.
Sein für Oktober geplanter Besuch in 2 russischen Provinzstädten
wurde auf Weisung Jelzins verboten. Denn im Unterschied zu der von Sjuganov
und Schirinovski repräsentierten sowjetnostalgischen und nationalistischen
russischen Opposition ist Lukaschenko aktiver Politiker und als solcher
in seinem Land weder so erfolglos noch so unbeliebt, daß die russischen
Reformer nicht eine gewisse Beispielwirkung befürchten müßten
angesichts der Zustände, die sie ihrer eigenen Bevölkerung
bereiten. Mit solchen Reiseverboten im Vorjahr gab es ein ähnliches
gegen den Besuch der Region Kaliningrad wird gleichzeitig die erklärte
Bemühung Lukaschenkos hintertrieben, auf regionaler Ebene Barter-Abkommen
auszuhandeln und Märkte für weißrussische Erzeugnisse
zu erschließen.
Aus verschiedenen Gründen kann und will Rußland aber nicht
mit Weißrußland brechen. Der erste ist militärischer
Natur. Lukaschenko hat immer wieder betont und in dieser Frage
hat er wenige Kontrahenten in seinem Land daß er ein Gegner
der NATO-Osterweiterung ist, daß Weißrußland nie in
ein antirussisches Bündnis eintreten würde, sondern sich als
Schutzwall gegen jeden möglichen Agressor Rußlands versteht.
Schließlich passieren 70% der russischen Rohstoff-Ausfuhren und
ein sicherlich auch hoher Teil der russischen Einfuhren über weißrussisches
Territorium, es ist tatsächlich so etwas wie ein Fenster zum
Westen .
Die Umarmung, mit der die weißrussische Führung übrigens
nicht erst seit der Machtübernahme Lukaschenkos die russische
Föderation bedenkt, hat seinen Grund in der Wirtschaftsstruktur des
Landes. Nach dem 2. Weltkrieg, gestützt auf den militärischen
Schutzschirm der Warschauer Pakt-Staaten, wurden von der sowjetischen
Führung die Bedenken gegen die Unsicherheit dieser Grenzregion aufgegeben
und Weißrußland von einer Agrar- zu einer Industrieregion
gemacht. Gleichzeitig verfügt Weißrußland praktisch über
keine Rohstoffe. Somit ist das Land extrem abhängig vom Außenhandel,
und seine traditionellen Rohstoffquellen und Absatzmärkte liegen
nun einmal in Rußland. Auf die von anderen osteuropäischen
Staaten praktizierte Gepflogenheit, um jeden Preis mit der EU und den
USA Handel treiben zu wollen, ist die weißrussische Führung
nie, auch unter Lukaschenkos Vorgänger Schuschkjevitsch nicht so
richtig, verfallen. Erstens gab es kaum Vorläufer im Sinne des Ost-West-Handels,
zweitens war das Interesse des Westens an weißrussischen Erdäpfeln,
Maschinen oder Rüstungsgütern nie groß. Drittens ist in
Weißrußland sicher auch als Ergebnis des Aufbaus nach
45 weder bei der Regierung noch bei der Bevölkerung antirussischer
Nationalismus feststellbar, der auf die Suche nach Paten in der westlichen
Welt gehen würde. Wenn die weißrussische Führung dann
doch wieder Avancen an westliche Institutionen macht, so tut sie es deshalb,
weil das Verhältnis zu Rußland sich aus den oben beschriebenen
Gründen nicht so gestaltet, wie es die Wirtschaft des Landes erfordern
würde.
2. Das ungemütliche Erbe der sowjetischen Vergangenheit:
Kuropaty und Tschernobyl
Dabei hätten die Bewohner Weißrußlands gute Gründe,
der sowjetischen Vergangenheit ablehnend gegenüberzustehen. Im Mai
1988 wurde in einem Wald in der Nähe von Minsk ein Massengrab entdeckt,
in dem schätzungsweise 250.000 Opfer des Stalinschen Terrors der
30-er Jahre verscharrt wurden. Die von dem Entdecker dieses Grabes bei
Kuropaty und späterem Oppositionspolitiker Zenon Poznjak angeleierte
Debatte über das sowjetische Erbe hat jedoch nicht die von ihm beabsichtigten
Ergebnisse gebracht: Obwohl die Enthüllungen Poznjaks auf beträchtliches
Interesse der Bevölkerung gestoßen sind, sind die Leute in
Weißrußland offenbar weniger als in anderen Gegenden der ehemaligen
SU bereit, mit dem Verweis auf den Terror der Stalin-Zeit alle Leistungen
dieses Staates bezüglich Produktion, Versorgung und Bildung für
nichtig zu erklären. Zumal Weißrußland mit dem Westen
noch schlechtere Erfahrungen verbinden: Das Land war vom Anfang bis zum
Ende des Großen Vaterländischen Krieges Kriegsschauplatz. Die
Wehrmacht ging mit besonderer Grausamkeit gegen die weißrussischen
Partisanen vor, die sich ihrerseits bemühten, die Nachschubwege der
Deutschen nach Möglichkeit zu unterbinden. Ein Viertel der weißrussischen
Bevölkerung starb als Folge von Repressionen, Kriegshandlungen und
Judenvernichtung.
Die Vergangenheitsbewältigung folgt daher dem Muster der Tagespolitik:
Die Identifikation mit Rußland und der Sowjetmacht erscheint als
das kleinere Übel.
Eine schwere Hypothek für Weißrußland sind die Folgen
des Reaktorunglücks von Tschernobyl. Weißrußland war
aufgrund der Grenznähe des Kraftwerks und der Windverhältnisse
davon stärker betroffen als die Ukraine selbst. Nach den Standards
westlicher Staaten, die selbst AKWs betreiben, also bei ihren Grenzwerten
sowieso eine gewisse Strahlenbelastung einkalkulieren, die die Bevölkerung
einfach aushalten muß, sind 20% des Landes so stark verstrahlt,
daß sie praktisch unbewohnbar sind und vor allem landwirtschaftlich
nicht mehr genutzt werden dürften. Eine Stillegung dieser Flächen
konnte und kann sich Weißrußland aber nicht leisten, sodaß
ungefähr die Hälfte dieses Gebietes bewohnt und genutzt wird
wie zuvor , und die dort angebauten Lebensmittel auch landesweit verkauft
werden. In der offiziell gesperrten Todeszone haben sich zudem
in den letzten Jahren illegal Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten
der ehemaligen SU angesiedelt, die offenbar den langsamen Stahlentod dem
schnellen Umgebracht-Werden vorziehen.
3. Die ökonomische Seite: Wofür Privatisierung?
Daß die Einführung des Privateigentums irgendeines der Probleme
der weißrussischen Wirtschaft lösen soll, mag weder Lukaschenko
noch die Mehrheit der weißrussischen Parlamentsabgeordneten einsehen.
Probleme gibt es genug: Der Produktionsrückgang betrug z.B. allein
1993 15% gegenüber dem Vorjahr, was immer noch das beste Resultat
innerhalb der GUS war. Ferner will Rußland für seine Lieferungen
von Öl, Gas, Eisenmetallen, u.a. zwar Dollars sehen, es gibt aber
geringe Neigung, die weißrussischen Erzeugnisse für harte Währung
zu übernehmen. Immer wieder wird von der russischen Firma Gazprom
kurzfristig der Gashahn zugedreht und dadurch ein Teil der Industrie Weißrußlands
sowie die Heizungen vieler Haushalte lahmgelegt, zuletzt im Dezember 1996.
Nachdem die Schulden Weißrußlands 1993 von Rubel in $ umgewandelt
wurden und Weißrußland im Februar 1996 im Rahmen einer generellen
Schuldenstreichung auf alle Aktiva aus der Sowjetära verzichtet hatte,
wofür seine Schulden für Energieträger gestrichen wurden,
ist allein die Schuld für Gasrechnungen angeblich bis Anfang 1997
wieder auf 295 Millionen $ gestiegen.
Weißrußland hat unter der vorigen Regierung wie viele andere
GUS-Staaten ein Privatisierungsprogramm mit Bezugsscheinen eingeführt.
Die Ausgabe dieser Vouchers begann 1994, aber niemand weiß heute
so recht, was er damit tun soll. Die Begeisterung Lukaschenkos für
diese vor seinem Amtsantritt begonne Privatisierung war gering. Nur ein
Viertel der Bezugsscheine sollte überhaupt gegen Anteilsscheine an
Unternehmen eintauschbar sein. Auch diese Aktien kommen nicht
so recht voran, da die Umwandlung der Betriebe in AGs mit geringem Einsatz
betrieben wird. Die bisher gebräuchlichste Form der Privatisierung
ist die Übergabe der Betriebe an die in ihnen beschäftigten
Arbeiter.
Die Bezugsscheine sollten ausdrücklich nicht, wie in Rußland
oder Tschechien, der Bereicherung von Finanz-Spekulanten dienen: Im
März 1995 hat
Lukaschenko die Privatisierung
ein weiteres
Mal gestoppt und die Überprüfung aller Investmentfonds angeordnet.
Alle Privatunternehmen mußten sich gegen eine geschmalzene Gebühr
neu registrieren lassen. Die seit der Wende neu zugelassenen Banken sind
seit Lukaschenkos Amtsamtritt praktisch zu Filialen der Staatsbank definiert
worden , sie dürfen nicht mit Wertpapieren spekulieren. Der Handel
mit der weißrussischen Währung ist streng limitiert, die Wechselkurse
werden von der Nationalbank festgesetzt. Personen, die keinen Wohnsitz
in Weißrussland haben, dürfen überhaupt keine Geld- und
Kreditgeschäfte mehr betreiben.
(Diese Maßnahmen haben die USA und die EU seit langem erbost und
zum Einstellen diverser Hilfen bewogen. Zuletzt waren sie
ein Grund für die Ablehnung Rußlands, eine Währungsunion
mit Weißrußland einzugehen. Der Hauptangriff auf das geschlossene
Währungssystem Weißrußlands erfolgt inzwischen durch
russische Politiker und Banken, die die Abhängigkeit des Landes und
die Verträge mit ihm dafür nutzen wollen, das politische und
wirtschaftliche Ärgernis, das es für sie darstellt, aus der
Welt schaffen zu wollen. Mit anderen Worten: Es stört die russische
Führung, daß ein Staatschef eines Nachbarlandes sich in Worten
und Taten gegen die in Rußland selbst durchgeführten Reformen
stellt und dadurch beweist, daß es anders auch geht.)
Es gibt Pläne der weißrussischen Regierung, den Leuten ihre
Bezugsscheine gegen Bargeld oder gegen Staatsanleihen wieder abzukaufen
und damit die Sache aus der Welt zu schaffen.
Außerdem wurden in den letzten Jahren Läden, die sich im Eigentum
der Gemeinden befanden, an Private verkauft. Auch diese kleine Privatisierung
soll nach dem Willen Lukaschenkos möglichst gestoppt bzw. dahingehend
kanalisiert werden, daß Geschäfte nur an staatliche Betriebe
verkauft werden dürfen, die darin ihre eigenen Produkte anbieten
wollen. Oder durch Private vom Staat gemietet werden sollen. Nach Versorgungsmängeln
bei Lebensmitteln im vergangenen Winter wurde der Zwischenhandel mit Lebensmitteln
verboten. Nur die Produzenten, also Vertreter der Kolchosen oder Lebensmittelkombinate,
dürfen auf den Märkten verkaufen. Mit diesen Maßnahmen
sollen Preiserhöhungen verhindert und die Inflation gebremst werden.
Die Devise Bereichert Euch! ist offensichtlich in Weißrußland
nicht Staatsprogramm. Lukaschenko und seine Gefolgsleute sehen ihre Aufgabe
nicht darin, einigen Subjekten die Anhäufung von Vermögen zu
ermöglichen, während der Rest der Bevölkerung durch die
Finger schaut. Wissenschaftler, Kulturschaffende, Lehrer und Ärzte
werden in Weißrußland, wie man aus der Zeitung immer wieder
erfährt, zwar gegängelt und zensuriert aber
sie werden auch bezahlt und in ihren Dienstverhältnissen belassen.
Arbeiter klagen zwar über ihre niedrigen Löhne aber sie
erhalten welche. Das Nichtauszahlen von Gehältern kommt inzwischen
zwar auch in Weißrußland vor, weil manche Betriebe seit Monaten
stillstehen, stellt aber noch immer die Ausnahme dar.
Wie lange diese Politik noch durchgehalten werden kann, weiß niemand
es hängt nämlich nur zu einem geringen Teil von der weißrussischen
Regierung ab.
4. Die Heimatländer der Marktwirtschaft und Weißrußland
Es ist auch heute nicht so, daß Weißrußland dem westlichen
Kapital prinzipiell den Eintritt verwehren würde. Lukaschenko machte
dieses Jahr verschiedene Reisen ins Ausland, die dem erklärten Zweck
dienten, Auslandskapital ins Land zu holen. Die überall ersehnten
ausländischen Investoren drängen jedoch nicht gerade in dieses
Land. Das hat sicherlich einerseits mit den von Investoren stets beklagten
administrativen Hindernissen zu tun, die ihnen in den Weg
gelegt werden schrankenlose Freiheiten im Umgang mit Land und Leuten
will die weißrussische Regierung auch den ausländischen Kapitalisten
nicht einräumen.
Das hauptsächliche Hindernis besteht aber darin, daß Weißrußland
von IWF und Weltbank wegen mangelnden Reformwillens als nicht
kreditwürdig eingestuft wird. Beide Institutionen haben 1995 ihre
Kreditoperationen gegenüber Weißrußland eingestellt.
Im Juli dieses Jahres haben Deutschland, Österreich und die Schweiz
ihre bereits gewährten Kredite an Weißrußland gestoppt.
Die OSZE und der Europarat erkennen die von Lukaschenko immerhin
nicht wie seinerzeit in Rußland mit Waffengewalt verfügte
Auflösung des Parlamentes nicht an und bestreiten damit praktisch
der weißrussischen Regierung ihre Legitimität. Solche Maßnahmen
internationaler Organisationen und einzelner Staaten sind Eckdaten für
einen privaten Kapitalisten, wenn er die Welt als Anlagesphäre betrachtet.
Sie weisen ihn darauf hin, wie dieses Land politisch betrachtet und behandelt
wird und wie sicher oder unsicher seine Investitionen dort sind. Dabei
geht es zuallerletzt darum, daß ein von ihm gekaufter oder gegründeter
Betrieb von der Regierung plötzlich enteignet werden könnte.
Das Risiko für den Investor liegt gar nicht im Land selbst, sondern
gerade außerhalb, bei den Staaten, die das Weltgeschehen bestimmen.
Es bedeutet nämlich, daß die von ihm im Land erzeugten und
für den Export vorgesehenen Waren mit Einfuhrbeschränkungen
in Devisenländer belegt werden könnten, wie dies in den letzten
Jahren mit den Erzeugnissen Jugoslawiens, Kubas oder des Irans geschehen
ist. Es bedeutet ferner, daß im Land gemachte Gewinne nicht ohne
weiteres in eine andere Währung transferiert werden können.
Damit ist so ein Land ziemlich abgeschlagen im Rennen um Investoren.
Dies ist der Grund, warum Lukaschenko nicht überhaupt mit den genannten
Institutionen bricht, sondern ständig weiter Verhandlungen führt
und Versprechungen macht, in naher Zukunft die Bedingungen von Weltbank,
OSZE, Europarat usw. zu erfüllen. Da er gleichzeitig an seiner staatlich-dirigistischen
Wirtschaftspolitik festhält, nützen ihm diese Lippenbekenntnisse
nichts, sondern werden als das eingestuft, was sie sind: unernst.
5. Regierung und Opposition
Es bietet sich das Bild einer Regierung, die gerne das Rad der Zeit zurückdrehen
würde, aber weiß, daß dies nicht geht. Ein Staatschef,
der mit allen Mitteln versucht, Land und Leute vor den schädlichen
Wirkungen der Marktwirtschaft zu bewahren, aber für dieses Ziel über
sehr beschränkte Mittel verfügt. Lukaschenko entdeckt als einziger
Staatsmann der GUS, daß die Souveränität eines Staates
nichts wert ist, wenn ihre Grundlage und ihr Zweck nur darin bestehen,
sich als Konkursverwalter der eigenen Ökonomie zu betätigen
und ihre Elemente, die Betriebe, um jeden Preis an Privatpersonen loszuschlagen.
Er stellt an den Folgen der unter Schuschkjewitsch begonnenen Privatisierung
fest, daß diese nicht, wie allerorten behauptet wird, der Erneuerung
und Modernisierung der Produktion dient, sondern ihrer Zerstörung.
Lukaschenko und seine Regierung begnügen sich nicht mit der formellen
Anerkennung, die die Politiker anderer GUS-Republiken so erfreut, wenn
sie bei internationalen Organisationen aufgenommen werden und bei NATO-Treffen
und ähnlichen Veranstaltungen mit dabei sein dürfen. Die weißrussische
Regierung beharrt darauf, daß die Souveränität über
einen Landstrich dafür dienen muß, aus dem Land etwas zu machen
und aus eigener Kraft etwas in der Welt darzustellen, nicht nur durch
ausländische Garantien und Anerkennung. Deswegen verwirft Lukaschenko
den von allen anderen osteuropäischen Staaten eingeschlagenen Kurs
und präsentiert sich als Nostalgiker der Sowjetmacht.
Im Umgang mit der Opposition versucht er, seinen mangelnden außenpolitischen
und ökonomischen Spielraum durch innenpolitische Härte zu kompensieren.
Die Drangsalisierung seiner Gegner ist nicht Ausdruck von Lukaschenkos
Macht, sondern von seiner Ohnmacht: Es nützt nun einmal nichts gegen
Produktionsrückgang, Strahlenverseuchung und Gas-Schulden, wenn man
Demonstranten prügeln und Telefone sperren läßt oder Ausreiseverbote
verhängt.
Es ist übrigens auffallend, daß die Opposition bei der Bevölkerung
selbst wenig Sympathien besitzt und der Vorwurf Lukaschenkos, sie seien
alle Agenten des Auslandes, insofern stimmt, als ihre Tätigkeit eigentlich
nur im Ausland Echo und materielle Unterstützung findet. Umgekehrt
ist er der einzige Politiker in Osteuropa, der es sich leisten kann, seine
Politik mit Referenden bestätigen zu lassen und dem seine in- und
ausländischen Kritiker zähneknirschend zugestehen müssen,
daß er sich bei seinen Untertanen großer und ständig
steigender Beliebtheit erfreut.
Unter den Kritikern Lukaschenkos gibt es z.B. einen Dichter, der ein Gedicht
veröffentlicht: Tötet den Präsidenten! Einen
Schriftsteller, der Lukaschenko vorwirft, er bemühe sich um Zerstörung
der Nation, des Nationalbewußtseins und der Kultur.
Einen Oppositionspolitiker, der in den USA um Asyl ansucht und von dort
vor allem mit dem Vorwurf, Lukaschenko betriebe den Ausverkauf
der Nation an Rußland gegen die weißrussische Regierung
hetzt. Schließlich die Organisation des Philantrophen
Soros, dessen erklärtes Ziel das Öffnen postsowjetischer
Gesellschaften ist, nicht zuletzt für den Kapitaltransfer. Dann ausländische
Diplomaten, die an regierungsfeindlichen Demonstrationen teilnehmen. Schließlich
russische Journalisten, die nachweisen wollen, daß diese Regierung
nicht einmal die Staatsgrenzen überwachen kann, also ihre Souveränitätsrechte
ungenügend wahrnimmt.
Eine feine Gesellschaft, die da als Kronzeuge für die diktatorischen
Bestrebungen des Stalinisten Lukaschenko herhalten muß.
(AK Analyse und Kritik Nr. 409, 18.12. 1997)
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